Prof. Dr. Bernhard Fresacher

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„Messopfer“

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Nach dem Heidelberger Katechismus ist „die Meß im Grund nichts anders denn eine Verleugnung des einigen Opfers und Leidens Jesu Christi … und eine vermaledeite Abgötterei“. Die Kritik der Reformation am römischen Messopfer ist vielfältig, wie eine Erinnerung an ihre Väter Luther, Melanchthon, Zwingli und Calvin zeigt.

Bernhard Fresacher

Mainz 1991

Reformatorische Positionen im Hintergrund des Messopferdekretes

Vorbemerkungen

1.    Die reformatorische Kritik am römischen Meßopfer

(1) Kritik der Meßpraxis als Ausgangspunkt

(2) Kritik der Theologie hinter dieser Praxis: Die Messe sei

     a)    ein Widerspruch zur Einsetzung Jesu Christi,

     b)    ein Werk menschlicher Selbstrechtfertigung,

     c)    eine Wiederholung des einzigen und vollgenügsamen Kreuzesopfers
            Jesu Christi (ephhapax),

     d)    ein Opfer des Priesters bzw. der Kirche, mit dem Gott besänftigt werden
            soll,

     e)    eine verdienstliche Leistung für andere: Tote und Lebende,

     f)    eine Satisfaktion für die täglichen Sünden bzw. Sündenstrafen.

2.    Martin Luther (1483 - 1546)

„Dieses Opfer des Neuen Testaments in bezug auf das Haupt der Kirche, Christus, ist vollendet und hat schlechthin aufgehört. Aber das geistliche Opfer seines Leibes, der Kirche, wird Tag für Tag dargebracht, wobei sie fortwährend mit Christus stirbt und das mystische Phase feiert, indem sie nämlich ihren Begierden abstirbt und aus dieser Welt in die künftige Herrlichkeit hinübergeht.“ (WA 57,218,5f)

a)    Abgeschloßenheit des Kreuzesopfers,

b)    Selbsthingabe als geistliches Opfer der Kirche:
„Diese Gemeinschaft steht darinnen, daß alle geistlich Guter Christi und seiner Heiligen mitgeteilt und gemein werden dem, der dies Sakrament empfäht, widderumb alle Leiden und Sund auch gemein werden und also Liebe gegen Liebe anzündet wird und voreinigt.“ (WA 2,743,27)

c)    ekklesiologische und ethische Deutung,

d)    konsequente Argumentation vom Abendmahlsbericht her:

       (1)    brechen – austeilen – empfangen,

       (2)    ein Vermächtnis: Zusage der Sündenvergebung,

       (3)    eine Gedächtnisfeier:

„Wenn ihr aus dem Gedächtnis des Opfers Christi ein Opfer macht und ihn wieder opfert, warum macht ihr nicht aus dem Gedächtnis seiner Geburt eine andere Geburt und laßt ihn wiedergeboren werden?“ (WA 8,421,15f)

„Denn Christus scheidet hie die zwey stuck weit voneinander, sacrament und Gedechtnis, da er spricht: solches thut zu meinem gedechtnis. Das sacrament sollen wir uben und thun und daneben gedencken, das ist: leren, gleuben und dancken. Das Gedechtnis soll wol ein danckopffer sein, aber das Sacrament selbst soll nicht ein opffer, sondern eine Gabe Gottes sein.“ (WA 30 11,614)

„Daß die Messe im Bapsttum muß der großeste und schrecklichste Greuel sein, als die stracks und gewaltiglich wider diesen Häuptartikel [Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben, BF] strebt und doch über und für allen anderen bäpstlichen Abgottereien die hoheste und schonest gewesen ist; denn es ist gehalten, daß solch Opfer oder Werk der Messe (auch durch einen bosen Buben getan) helfe den Menschen von Sunden, beide hie im Leben und dort im Fegfeuer, welches doch allein soll und muß tun das Lamb Gottes ...“ (BSLK 416)

e)     Werk des Menschen zur eigenen Rechtfertigung und zur Rechtfertigung anderer.

3.    Philipp Melanchthon (1497 - 1560)

Deutung des Abendmahls:

a)    als Zeichen und Zusage der Verheißung Gottes,

b)    zur Stärkung und Erweckung des Glaubens,

c)    als Bekenntnis der Teilhabenden vor Gott und den Menschen,

d)    als Vollzug der Danksagung und des Lobes,

e)    ekklesiologisch.

Besonderheiten:

a)    Unterscheidung von „sacramentum“ und „sacrificium“ und von „sacrificium propitiatorium“ und „sacrificium“ (eucharistikon),

b)    „Erbsündenthese“.

4.    Huldrych Zwingli (1484 - 1531)

Kernpunkt der Kritik: Meßopfer ist Schmähung und Raub der Ehre Gottes.

„Das Christus sich selbst einest uffgeopffert in die ewigkeit ein wärend und betzalend opffer ist, für aller gloibigen sünd; daruß ermessen würt, die mesß nit ein opffer, sondern des opffers ein widergedächtnüß sein, und Sicherung der erlößung die Christus uns bewißen hat.“ (Bekenntnisschriften der reformierten Kirchen 3)

a)    Das einzige erlösende Opfer ist der Kreuzestod Jesu Christi.

b)    Der Glaube ist konstitutiv für die Feier des Herrenmahls.

c)    Das Herrenmahl ist ein von Christus eingesetztes Gedächtnismahl.

d)    Essen und Trinken dienen der Stärkung und Erquickung des Glaubens, sind Ausdruck des persönlichen Glaubens und der aus dem Glauben folgenden Verpflichtung zu brüderlicher Hingabe.

5.    Johannes Calvin (1509 - 1564)

a)     Das einmalige Verdienst Jesu Christi und damit die Ehre Gottes werden durch das Meßopfer herabgesetzt, indem sich Menschen anmaßen, bei Gott Vergebung der Sünden erwirken zu können.

b)    ephhapax: definitive Abgeschlossenheit des Heilswerkes

       gegen jede Ergänzung.

       Christus ist einziger Priester und Mittler.

       Erinnerung im Glauben an das Vergangene.

c)    Maßstab sind die Abendmahlsworte Jesu:

„Nachdem dieses Opfer [Christi, BF] aber nun vollbracht ist, hat uns der Herr eine andere Art und Weise gelehrt, um nämlich die Frucht des Opfers, das ihm der Sohn dargebracht hat, auf das gläubige Volk kommen zu lassen. Daher hat er uns einen Tisch gegeben, an dem wir das Mahl halten sollen, nicht aber einen Altar, auf dem ein Opfer dargebracht werden soll. Er hat nicht Priester geweiht, die da opfern, sondern Diener, die das heilige Mahl austeilen sollen.“ Institutio IV,18,12

d)    Das Herrenmahl ist als Dankopfer eine Form des Selbstopfers der Kirche zur Ehre Gottes.

„In der zweiten Gruppe von Opfern, die wir als ‚Dankopfer’ bezeichneten, sind alle Pflichtwerke der Liebe zusammengefaßt, die wir unseren Brüdern erweisen, um dadurch, zugleich den Herrn und seine Glieder zu ehren. Ferner gehören hierher alle unsere Gebete, Lobpreise, Danksagungen und ales, was wir zur Verehrung Gottes tun.“ Institutio IV,18,16

6.     „Heidelberger Katechismus“ 1563


„80. Frage: Was ist der Unterschied zwischen dem Abendmahl des Herrn und der päpstlichen Meß?

Antwort: Das Abendmahl bezeuget uns, daß wir vollkommene Vergebung aller unserer Sünden haben durch das einige Opfer Jesu Christi, so er selbst einmal am Kreuz voll-bracht hat [...], und daß wir durch den Heiligen Geist Christo werden eingeleibt [...], der jetzt mit seinem wahren Leib im Himmel zur Rechten des Vaters ist [...] und daselbst will angebetet werden [...]. Die Meß aber lehret, daß die Lebendigen und die Toten nicht durch das Leiden Christi Vergebung der Sünden haben, es sei denn, daß Christus noch täglich für sie von den Meßpriestern geopfert werde. Und daß Christus leiblich unter der Gestalt Brots und Weins sei und derhalben darin soll angebetet werden. Und ist also die Meß im Grund nichts anders denn eine Verleugnung des einigen Opfers und Leidens Jesu Christi [...] und eine vermaledeite Abgötterei.“

Schluss
 
Quellen

Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe 1-59, Weimar 1883/1982 (WA).

Philipp Melanchthon, Werke  (Corpus Reformatorum 1-28), Halle/Braunschweig 1834/1860 (CR 1-28).

Huldreich Zwinglis sämtliche Werke  (CR 88-98.100-101), Berlin 1905/ Leipzig 1908/Zürich 1959ff.

Johannes Calvin, Omnia Opera (CR 29-87) , Braunschweig/Berlin 1863-1900.