Prof. Dr. Bernhard Fresacher

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„Gemeinschaft“

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Unsere Kultur sieht Gemeinschaft typischerweise im Mahl symbolisiert. Das berühmte Bild von Leonardo da Vinci ist fest im kulturellen Gedächtnis verankert, so fest, dass z.B. die Werbung sich ironisch darauf beziehen kann. Was aber ist Gemeinschaft? Worin besteht ihr Sinn? Wie ist sie möglich unter den Kommunikationsbedingungen der modernen Gesellschaft heute?


Bernhard Fresacher

Trier 2008

Gemeinschaft – soziologisch und theologisch betrachtet

„Die Fremdheit dessen, was nicht gemeinsam sein kann, ist das, was diese Gemeinschaft begründet, ewig provisorisch und immer schon im Stich gelassen.“ Maurice Blanchot (1907-2003)

Einführung

Wenn in der Seelsorge von Gemeinschaft die Rede ist, sind damit in der Regel organisierte Interaktionen gemeint, das heißt: Kommunikationssituationen erstens unter der Voraussetzung physischer Anwesenheit und zweitens unter den Bedingungen von Organisation.

1. Die Beteiligten nehmen sich wechselseitig wahr. Sie nehmen wahr, dass sie wahrgenommen werden, und nehmen dasselbe von den anderen an. Sie sehen, hören, riechen, und spüren sich gegenseitig. Körper und Sinne spielen eine wichtige, wenn nicht sogar die zentrale Rolle.

2. Die Kommunikationen finden nicht zufällig statt, wie an einer Bushaltestelle oder im Aufzug, sondern im Rahmen einer Organisation: Pfarrei, Krankenhaus, Jugendarbeit u.ä. Die Art dieser Kommunikationen unterscheidet sich von reiner Geselligkeit (Party) ebenso wie von Liebes- oder Freundschaftsbeziehungen. Sie wird dennoch gerne als „intime“ oder „intensive“ Begegnung geschildert. Wo liegt der Unterschied? In diesem Zusammenhang klingen meist auch ethische Ansprüche an: Empathie statt Indifferenz.

Die als Gemeinschaft beschriebenen Interaktionen zeichnen sich im kirchlichen Zusammenhang außerdem durch eine dritte Dimension aus.

3. Die Aufmerksamkeit wird in irgendeiner Form auf ein Drittes gelenkt. Es wird der Verweis auf ein Drittes mitgeführt, symbolisch, liturgisch, literarisch. Dieses Dritte hat eine besondere Bedeutung. Es stellt nach Überzeugung der Beteiligten die Möglichkeit dar, dass Gott in die Kommunikation eintritt, die Möglichkeit der „persönlichen Gottesbegegnung“ bzw. „Gotteserfahrung“. Theologisch ist hier also eine irgendwie geartete sakramentale Qualität angesprochen, von der man allerdings nicht erwarten kann, dass sie unbedingt auch von anderen geteilt wird.

Erfahrung hat mit Deutung zu tun, und Deutung mit der Einbettung in kulturelle Schemata, wie sie auch Religionen anbieten. Dabei kann man heute nicht mehr davon ausgehen, dass die Deutungsschemata von einer Religion wie dem Christentum ohne weiteres von allen geteilt werden, abgesehen davon, dass die christlichen Deutungsschemata bei genauerem Hinsehen gar nicht so einheitlich sind, sondern in sich vielfältig und widersprüchlich.

Wie in jeder Kommunikation spielen Medien eine wesentliche Rolle: neben der Sprache, neben dem gesprochenen und dem gehörten Wort, andere Ausdrucksformen: Gesten, Berührungen, Handlungen, Musik, Gegenstände, Kleidung, Ästhetik und wie gesagt: Körper.

Dies alles sind Elemente, die nicht nur Kommunikation ausmachen, sondern ebenso das, was theologisch unter sakramental verstanden wird. Es geht um Kommunikationen, bei denen körperlich etwas zu spüren ist, und bei denen Symbole bzw. Rituale zum Einsatz kommen: Körper, Geist, Gefühle, Sprache, Deutungsschemata, soziale Strukturen wie z.B. die einer Organisation sowie gesellschaftliche Voraussetzungen allgemein – dies Alles ist im Spiel, selbst bei der intimsten Kommunikation unter vier Augen. Ohne diese Voraussetzungen wäre keine Kommunikation, selbst im Kleinsten nicht, möglich.

Kommunikationsformen schließen ein und aus: das Gespräch unter vier Augen, das alle anderen in diesem Moment nicht Anwesenden ausschließt, die Jugendgruppe oder die Liturgie, an der nicht alle beteiligt sind.

Dabei wird Gemeinschaft vor allem mit Begegnung assoziiert, und zwar mit Begegnung zwischen den Beteiligten und mit Gottesbegegnung. Wie hängt das eine mit dem anderen zusammen?

1. Gemeinschaft

Gemeinschaft, was ist das?

Für unsere Kultur stellt das Mahl das typische Symbol für Gemeinschaft dar. Das Bild von Leonardo da Vinci ist fest im kulturellen Gedächtnis unserer Gesellschaft verankert, so fest, dass z.B. die Werbung sich ironisch darauf beziehen kann. Gemeinschaft hat ihrerseits viel mit Symbolik zu tun. Das Symbol selbst bezeichnet das Zusammenbringen des Getrennten. Symbol und Gemeinschaft hängen eng miteinander zusammen. Die Frage nach dem Sinn von Gemeinschaft lässt sich also gut mit diesem Bild verknüpfen. Zugleich führt es direkt in die Schwierigkeiten des Gemeinschaftsbegriffs heute hinein.

Wie ist von Gemeinschaft im kirchlichen Zusammenhang die Rede?

1.    Einheit: Verbundenheit, Zugehörigkeit zur Kirche, bis hin zu Intimität. Familie wird gerne als Analogie herangezogen für die Kirche, die Pfarrgemeinde: Familie Gottes, Geschwisterlichkeit. Damit ist also auch eine bestimmte Ethik verbunden, was die Gemeindetheologie besonders hervorhebt: Subjektwerdung, partnerschaftlicher, herrschaftsfreier Dialog usw. Das erzieherische, das pädagogische Moment ist unverkennbar. Es bleibt eine Widersprüchlichkeit, die auch mit dem Familienbild zusammenhängt. Man wird den Eindruck eines von oben geordneten Ganzen nicht los. Gemeinschaft als Obhut.

2.    Zustimmung: Konsens, Bejahung der Lehre der Kirche, Gehorsam. Gemeinschaft bezeichnet hier das Gegenteil von Ablehnung, nämlich Übereinstimmung mit. Auch hier dominiert die obrigkeitliche Vorstellung, ebenso wie beim nächsten Gebrauch des Wortes Gemeinschaft.

3.    Loyalität: Dienstgemeinschaft zur Bezeichnung einer spezifischen Betriebs- bzw. Unternehmenskultur im Verhältnis von Vorgesetzten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: Ethik.

4.    Erlebnis: Weltjugendtag, Jugendgottesdienst, Event-Gemeinschaft, Gemeinschaftserlebnis, Intensität. Gemeinschaft bezeichnet hier vor allem das intensive Erlebnis: körperlich, emotional.

5.    Hoffnung: Gemeinschaft der Heiligen (communio sanctorum). Gemeinschaft bezeichnet hier ein Bewusstsein der Verbundenheit durch Gott, durch Jesus Christus, im Heil. Solidarität, Universalität, Hoffnung bis hin zum Bewusstsein kosmischen Verbundenseins. Der Integrationsgedanke steht hier im Vordergrund, das Eingebundensein in ein Ganzes. Das Heil wird hier im Ganzsein gesehen.

Begriffe werden deutlicher, wenn man darauf achtet, welche Unterscheidung sie treffen. Gemeinschaft wird von Zweierlei unterschieden, zum einen von Alleinsein und zum anderen von Gesellschaft.

Gemeinschaft bezeichnet etwas Soziales im Unterschied zu einem isolierten Dasein, allein, für mich, in meinem Kämmerlein, der Eremit als Gegenbild. Auf dieser Linie liegen bspw. die „kommunitaristischen“ Auffassungen. Sie führen die Bürgergemeinschaft gegen den Individualismus und den Liberalismus ins Feld. In Zeiten allerdings, in denen Bücher geschrieben und gelesen werden, alleine, zu Hause, und in Zeiten des World Wide Web, alleine, vor dem PC, ist diese Unterscheidung zwischen sozial und individuell nicht mehr so eindeutig: Wer heute alleine ist, muss noch lange nicht alleine sein.

Die andere Unterscheidung grenzt die Gemeinschaft von der Gesellschaft ab. Sie betont die Nähe gegenüber der Distanz, das Persönliche gegenüber der Anonymität, das Dialogische gegenüber dem Technischen usw. Die Gemeinschaft erscheint als warm in einer kalten Gesellschaft. Diese Kontrastierung ist allerdings eine relativ späte neuzeitliche Entwicklung. Bis ins 18. Jahrhundert hinein bedeutete Gesellschaft nämlich genau das, was wir heute als Gemeinschaft bezeichnen: Geselligkeit, face-to-face-Interaktion, also gerade nicht Distanz, Anonymität und Technik. Das deutsche Wort „Gemeinschaft“ bürgert sich erst im 19. Jahrhundert ein. Was ist da geschehen?

Gehen wir noch einen Schritt zurück. Im deutschen Wort „Gemeinschaft“ steckt das Adjektiv „gemein“, vom Lateinischen: communis. Es hat zwei Bedeutungen:

1) „Gemein“ bedeutet zum einen umfassend, einschließend, was alle angeht, was allen gehört, also im Sinn von allgemein im Unterschied zu privat, singulär, besonders oder anders (also das Gegenteil von Gemeinschaft heute). Der gemeine Tod trifft alle. Gemein steht dann auch für unparteiisch, für objektiv. Eine Gemeinde ist mit Rechten und Pflichten für alle verbunden. Sie ist durchaus territorial gefasst, als Gebiet innerhalb einer gemeinsamen Schutzwehr, die den Bürgerinnen und Bürgern bestimmte Aufgaben und Privilegien zuschreibt. Erst davon abgeleitet kann dann auch die versammelte Bürgerschaft damit gemeint sein. Das Politische schwingt von Anfang an mit. Wenn wir heute von europäischer Gemeinschaft oder von internationaler Völkergemeinschaft sprechen, dann liegt die Bedeutung in dieser Tradition. Es geht um rechtliche Gebilde. In manchen Bundesländern gibt es das Unterrichtsfach „Gemeinschaftskunde“ als Titel für politische Bildung. Auch der Gemeinwohlbegriff leitet sich natürlich aus dieser Tradition ab.

2) Die andere Bedeutung von „gemein“ betont den Aspekt der Vereinigung, des Austausches, des Verkehrs. Wer sich mit jemandem gemein macht, pflegt Umgang mit ihm bzw. ihr, lernt ihn bzw. sie kennen. Das hat mit Vertrauen zu tun. Es bezieht sich nicht nur auf geschäftliche Beziehungen, sondern ebenso auf intime Beziehungen. Schon früh (im Mittelhochdeutschen) taucht das Verb „vermeinschaften“ („vergemeinschaften“) im Zusammenhang von sexueller Vereinigung auf. Der heute geläufige abwertende Sinn von „gemein“ leitet sich aus dieser zweiten Bedeutung ab. Es stammt aus der Zeit der geschichteten Gesellschaft, der scharfen Trennung zwischen oben und unten. Wenn sich jemand aus der Oberschicht mit der Unterschicht gemein machte, dann war das nicht in Ordnung. „Gemein“ erhielt dann die Bedeutung von niedrig und von niederträchtig, auch gewöhnlich, im Unterschied zu edel, vornehm und heilig. In diesem Sinn wurde auch die Inkarnation beschrieben: Christus oben macht sich mit den Menschen unten gemein.

Ich will mich im Folgenden an diesen beiden Bedeutungen von „gemein“ orientieren: Gemeinschaft 1) als etwas Umschließendes, durchaus mit der Assoziation der Grenze, die zwischen drinnen und draußen unterscheidet, und 2) als Vereinigung, als Austausch. Ich will also den Aspekt der Inklusion und den Aspekt der Interaktion unterscheiden. Das hat den Vorteil, dass dadurch die Sicht schärfer wird. Es sollte deutlich geworden sein, dass der Gemeinschaftsbegriff zu verschwommen ist, um damit klar zu sehen.

2. Interaktion

Ich beginne mit der Interaktion: Interaktion hat zur Voraussetzung, dass die Beteiligten anwesend sind. Es geht um Kommunikation unter Anwesenden: face to face. Die Bedingung ist also physische Präsenz und wechselseitige Wahrnehmung. Die Anwesenden nehmen sich gegenseitig wahr und nehmen wahr, dass sie wahrgenommen werden. Bei der Interaktion wird diese Reziprozität und Reflexivität immer mitkommuniziert. Es gibt auch explizit die Möglichkeit der Kommunikation über Kommunikation, also das, was wir Metakommunikation nennen.

Wer anwesend ist, wird als beteiligt angesehen. Wer nicht anwesend ist, bleibt draußen. Umgekehrt gilt: Anwesende können sich nicht der Kommunikation entziehen. Erstens fällt sofort auf, wenn sich jemand nicht beteiligt. Zweitens ist es schwer, Anwesende aus der Kommunikation auszuschließen. Das merkt man z.B. daran, wenn jemand zu einer laufenden Unterhaltung hinzutritt. Die bereits Anwesenden können dann versuchen leiser zu sprechen, um zu signalisieren, dass sie nicht gestört werden wollen. Die Unterhaltung kann das Thema wechseln, oder die Versammlung löst sich überhaupt auf. Aber man kann nicht so tun, also wäre, wer anwesend ist, nicht dabei. Die Kommunikation kann davon nicht ohne weiteres absehen. Inhalt wie Verlauf des Gespräches sind eng an die anwesenden Personen geknüpft.

Aus dieser Ausgangslage der Interaktion entstehen eigene Anforderungen für die Art der Kommunikation, die nur unter diesen Bedingungen auftreten und sonst nirgends. Zugleich muss aber diese Kommunikation Voraussetzungen machen, die sie sich nicht selber geben kann: Sprache, Umgangsformen, Anlässe bis hin zum Gesprächsstoff selbst. Jede Interaktion ist gesellschaftlich eingebettet. Würde sich der Sinn des Wortes „Brötchen“ mit jeder Interaktion verschieben, könnten wir unsere Kinder nicht mehr ohne weiteres zum Einkaufen schicken, und wüssten wir nicht, dass für dasselbe in Österreich das Wort „Semmel“ steht, könnten wir keine Semmelknödel herstellen. Die Kommunikation hat es gar nicht in der Hand. Sie ist auf Medien und Strukturen außerhalb angewiesen. Man könnte sonst nicht nur nichts verstehen, man könnte gar nicht ins Gespräch kommen.

Bevor ich nun weiter auf das Verhältnis von Interaktion und Gesellschaft eingehe, will ich zunächst aber noch bei der Kommunikation verweilen. Kommunikation ist nicht identisch mit Interaktion, denn es gibt auch interaktionsfreie Kommunikation. Was aber geschieht eigentlich, wenn man kommuniziert?

3. Kommunikation

Wir sind es gewohnt, uns Kommunikation von der Interaktion her vorzustellen, und denken deshalb selbstverständlich an einen Austausch. Es gibt aber keinen Verkehr zwischen den Köpfen. Wir haben keinen direkten Zugang zu dem, was andere denken oder empfinden. Wir können uns nicht einmal über unsere eigene Gefühle und Gedanken sicher sein. Die Gedanken und Gefühle bleiben verschlossen, es sei denn man äußert sich: er oder sie sagt etwas, schreibt etwas auf, macht sich auf die eine oder andere Weise bemerkbar, malt z.B. ein Bild oder macht Musik. Dann handelt es sich aber nicht mehr um Gedanken oder Gefühle, sondern um Worte, Sätze, Texte, Bilder, Melodien usw.

Das sind andere Formen, über die wir als Einzelne nicht verfügen können: Sprache, Schrift und andere Medien sind gesellschaftliche Errungenschaften, die der Verfügung der Einzelnen entzogen sind. Es handelt sich um soziale Formen. Sie machen ein Verstehen erforderlich: Etwas muss überhaupt erst einmal als Mitteilung verstanden werden und muss dann auch noch in seiner Bedeutung, in seinem Inhalt erfasst werden, damit Kommunikation zustande kommt. Um überhaupt verstehen zu können, sind wir auf Medien und Strukturen angewiesen, die sich sozial, das heißt: auf der Basis von Kommunikation bilden. Sie schieben sich dazwischen und eröffnen einen Spielraum der Interpretationen. Imaginationen und Fiktionen sind möglich. Man muss die Realität nicht so nehmen wie sie ist, sondern kann sie bezeichnen, beschreiben, erklären usw. Es entsteht eine eigene semantische Welt: Grammatik, Literatur, Kunst usw. bis hin zu Möglichkeiten, dies selbst wieder zu thematisieren: Kommunikation über Kommunikation. Wissenschaft wäre nicht vorstellbar ohne diese Möglichkeiten.

Nehmen wir die Vortragssituation jetzt hier im Moment: Es handelt sich um eine Interaktion, in einer sehr einseitigen Anordnung: Einer spricht und alle anderen hören zu. Aber stimmt das tatsächlich? Die Anordnung ist so, aber was die Einzelnen dabei wirklich denken und empfinden, bleibt verborgen. Weiß ich, was Sie im Einzelnen gerade beschäftigt? Wir stellen laufend Vermutungen dazu an, aber wir wissen es nicht. Da hat jemand die Augen geschlossen: Döst er oder konzentriert sie sich? Ist sie in Gedanken wo anders oder meditiert er? Sie wissen nicht einmal, was ich mir gerade denke, wenn ich dieses oder jenes sage. Sie können jederzeit überlegen, was ich damit bezwecken will, warum ich das so und nicht anders sage, erkenntnisleitende Interessen feststellen und andere Motive.

Kommunikation verdankt sich also erheblichen sozialen Voraussetzungen und schafft dennoch keinen unmittelbaren Zugang in die Gehirne, in die Gedanken- und Gefühlswelten der Einzelnen. Schriftzeichen oder Texte sind etwas anderes als Wahrnehmungen oder Vorstellungen. Das heißt nicht, dass das Eine nicht vom Anderen abhängig wäre: Unsere Gedanken sind sprachlich imprägniert, unentwirrbar. Von Anfang an werden sie von dem geformt, was wir hören und was wir lesen. Und dennoch bleiben sie etwas anderes. Ebenso ist keine Kommunikation möglich, ohne die Beteiligung von Menschen, die denken und fühlen. Dennoch werden sie niemals Teil dieser Kommunikation. Das können nur Worte, Texte und andere Äußerungen sein.

Diese wechselseitige Entzogenheit, das heißt: die Kommunikation hat keinen direkten Zugriff auf die Gehirne, und die Gedanken und Gefühle können ihrerseits die Bedeutungen nicht festlegen, diese wechselseitige Entzogenheit ist eine unübergehbare Bedingung von Kommunikation. Kommunikation basiert auf Intransparenz und Unkontrollierbarkeit. Die soziologische Systemtheorie spricht an dieser Stelle von „doppelter Kontingenz“ und wendet die System-Umwelt-Unterscheidung auf die unüberwindbare Grenze zwischen Subjektivem und Sozialem, zwischen Psyche und Gesellschaft an: die Bedeutung von Sätzen kann nicht individuell festgelegt werden, sondern erschließt sich sozial, und Sätze können keine Gedanken oder Gefühle wiedergeben, sondern diese nur beschreiben.

Die Individuen bleiben der Kommunikation entzogen. Sie tauchen in ihr als Personen wieder auf, die etwas mitteilen, oder an die sich eine Mitteilung richtet. Sie können auch Thema der Kommunikation werden. Alles andere aber bleibt draußen. Personen kann alles Mögliche zugeschrieben werden (Attribution), einschließlich dessen, was sie sich selber zuschreiben: Bedürfnisse, Motive, Intentionen usw. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass damit das Innere offen liegt. Wir haben es lediglich mit Zuschreibungen zu tun. Sogar für das eigene Selbstverständnis, für die eigene Selbstinterpretation sind wir auf solche Zuschreibungen angewiesen, die uns beispielsweise auch die Psychologie oder die Romanliteratur zur Verfügung stellt, und wir können uns nie sicher sein, wer wir tatsächlich sind. Identität ist, wie wir wissen, auf Kommunikation angewiesen.

Schwimmt die Gesellschaft also auf einem Meer von Kommunikationen? Ja, aber unter Bedingungen der Intransparenz und Unkontrollierbarkeit der millionenfach gleichzeitig ablaufenden Kommunikationen. Steuerung ist, wenn überhaupt, nur sehr kleinteilig möglich, aber niemals für die Gesellschaft im Ganzen. Deshalb ist es auch illusorisch, die Gesellschaft könne in der Form von Interaktion, durch Dialoge und Verständigungsversuche unter erreichbaren Personen in eine rationale Form gebracht werden, wie dies prominent Jürgen Habermas fordert.

Was die Interaktion nicht schafft, bringt aber die Gesellschaft zustande: die Inklusion aller als Personen in die Kommunikation. Niemand wird ausgeschlossen. Dies geschieht allerdings nicht in Form von Interaktion, sondern durch Medien und Strukturen, die interaktionsfrei Kommunikation ermöglichen.

4. Gesellschaft

Ich will lediglich auf diese beiden Aspekte eingehen: Medien und Strukturen – und unter Strukturen nur auf die Differenzierungsformen der Gesellschaft.

Historisch lässt sich ein Auseinandertreten von Interaktion und Gesellschaft beobachten. Das hat entscheidend mit Medieninnovationen zu tun, mit der Erfindung und Durchsetzung interaktionsfrei benutzbarer Kommunikationstechniken: Schrift, Buchdruck, Telekommunikation, Rundfunk, Computer, Internet.

Schon die Schrift und vor allem der Buchdruck erweitern den Adressatenkreis erheblich, potenziell sogar ins Unendliche. Zensur und Bücherverbrennungen haben dies bekanntlich zu verhindern versucht, wie wir wissen letztendlich erfolglos. Mit dem Internet erleben wir im Moment etwas Vergleichbares (China).

Zugleich werden durch Schrift und Buchdruck Mitteilung und Verstehen zeitlich und räumlich auseinander gezogen. Was jemand geschrieben hat, kann viele Jahre später noch gelesen werden und weit entfernt. In schriftlosen Kulturen ist jede Kommunikation Interaktion. Interaktion und Gesellschaft decken sich weitgehend. Ich komme gleich noch darauf zu sprechen. Schrift und Buchdruck hingegen führen nicht nur zur Desynchronisation der Kommunikation, sondern erhöhen dadurch auch die Vielfalt der Deutungen und die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung. Die kompakte Abhängigkeit von Gesellschaft und Interaktion lockert sich. Interpretation wird zu einer eigenen Kunstfertigkeit.

Der christliche Glaube ist ohne diesen Zusammenhang von Schrift und Interpretation nicht erklärbar. Was bedeutet das für diesen Glauben?

Man sieht sofort, wie Computer und Internet diese Entwicklung weiter forcieren und zu einer unglaublichen Steigerung der Möglichkeiten interaktionsfreier Kommunikation führen bis hin zur Anbahnung von intimen Beziehungen: Man lernt sich zuerst im Internet kennen, bevor man sich dann möglicherweise auch körperlich begegnet, von Angesicht zu Angesicht. Dadurch werden die bisherigen Priorisierungen auf den Kopf gestellt, die die Gesellschaft von der Interaktion her konzipieren.

Wichtig ist, zu sehen: Es geht nicht nur um andere Kommunikationsmittel, sondern um eine Veränderung der Kommunikation selbst durch neue Medien. Die Strukturen der Gesellschaft verändern sich dadurch, und zwar bis in die Interaktionen hinein.

Was ich bis jetzt beschrieben habe, bezieht sich auf so genannte Verbreitungsmedien, also Medien, die den Adressatenkreis, den Kreis der Beteiligten an der Kommunikation erweitern. Davon zu unterscheiden sind die so genannten Erfolgsmedien, auf die ich hier nur kurz hinweisen will. Sie haben mit dem Auseinandertreten von Interaktion und Gesellschaft zu tun und mit den damit verbundenen Unsicherheiten, insbesondere der Unwahrscheinlichkeit, sich an Kommunikation zu beteiligen und Kommunikation anzunehmen, insbesondere im Fall von unbequemen Zumutungen: Geld und Macht gehören zu solchen Erfolgsmedien. Geld erhöht die Wahrscheinlichkeit, etwas zu bekommen, was einem anderen gehört. Macht erhöht die Wahrscheinlichkeit, etwas zu tun, was man sonst nicht tun würde. Aber es gibt noch weitere Möglichkeiten: Liebe z.B. ist eine sehr moderne Form, oder Wahrheit, Werte, Recht, Kunst usw. Ich komme gleich noch einmal darauf zurück.

Die Strukturentwicklung der Gesellschaft hängt eng mit der Entwicklung der Kommunikationsmedien zusammen. Wir erleben im Moment, wie Computer und Internet die Welt verändern und zugleich wie vor allem Wirtschaft (Geld) und Politik (Macht) in ein neues Verhältnis gebracht werden. Religion scheint demgegenüber ins Hintertreffen zu geraten, weil sie noch keinen rechten Weg gefunden hat, mit der Individualisierung, mit der Freisetzung der Individuen in der modernen Gesellschaft umzugehen. Wirtschaft und Politik scheinen damit eher zurecht zu kommen: in Form von Marktwirtschaft und Demokratie.

Ich will hier nur auf die Differenzierungsformen eingehen, und zwar auf die Formen, wie die Gesellschaft mit Unterschieden umgeht. Die Gesellschaft war ja nicht immer so wie heute. Ich bringe eine sehr schematische Darstellung. Es geht mir vor allem darum, die Veränderungen herauszuarbeiten und zu zeigen, dass die Gesellschaft, mit der wir es heute zu tun haben, nicht so selbstverständlich ist, wie wir dies im Alltag annehmen. Natürlich könnten wir uns ohne solche weitgehenden Selbstverständlichkeiten in der Welt gar nicht zurechtfinden, weder in der Welt der Kommunikation noch in der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt.

Die drei Differenzierungsformen, die ich ansprechen möchte, sind nicht im Sinn von Ablösung zu verstehen. Die eine löst nicht die andere ab, sondern die Gewichtungen verschieben sich. Eine Differenzierungsform rückt in den Vordergrund, während die anderen durchaus weiterwirken.

In der segmentär differenzierten Gesellschaft deckt sich – wie bereits angedeutet – Gesellschaft weitgehend mit Interaktion. Es handelt sich um die so genannten Stammesgesellschaften, die sich insbesondere regional aufteilen. In der hebräischen Bibel, im Alten Testament wird dieser Hintergrund sehr deutlich greifbar. Entscheidend sind die Grenzen der Familie, der Familienverbände, der Stämme, der Stammesverbände und schließlich des Volkes. Diese Grenzen sind zugleich die Grenzen der Gesellschaft. Alles andere bleibt draußen, was sich dann z.B. am Problem des Umgangs mit Fremden zeigt: hoch ritualisierten Formen von Gastfreundschaft oder höchst riskante Handelsbeziehungen. Die Gesellschaft ist primär territorial differenziert, in einem Nebeneinander von Stämmen oder Völkern. Wir haben diese Differenzierung in gewisser Weise bis heute in den Nationalstaaten und sehen die Grenzen dieses Systems (Globalisierung, Finanzwirtschaftskrise, Einbürgerungsfragen usw.).

Vorstellungen von Familie als Keimzelle der Gesellschaft gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang, haben aber auch mit der nächsten Differenzierungsform zu tun.

Von dieser horizontalen Differenzierungsform unterscheidet sich die vertikale Differenzierungsform der geschichteten oder stratifizierten Gesellschaft, wie sie bis in die Neuzeit in Europa dominierte. Die Grenzen verlaufen nicht mehr in erster Linie zwischen regionalen Stämmen, sondern zwischen oben und unten. Zwischen Oberschicht und Unterschicht herrschen Kommunikationsschranken. Die Grenzen sind rigide gezogen. Die Gesellschaft deckt sich nicht mehr mit Interaktion, sieht sich aber nach wie vor in der Interaktion repräsentiert, und zwar in der Oberschichteninteraktion, am Hof. Die Spitze repräsentiert das Ganze. Auf die Form der Kommunikation oben kommt es an. Deshalb gibt es Fürstenspiegel: Tugendkataloge für die Oberschicht, weil Wohl und Weh der ganzen Welt von der höfischen Interaktion an der Spitze der Gesellschaft abhängen. Wir finden diese Sicht bis heute, prominent bei Jürgen Habermas (Theorie des kommunikativen Handelns), der die Gesellschaft normativ von der Interaktion her bestimmt.

Die moderne Gesellschaft, wie sie in der Neuzeit in Europa entsteht, setzt die Individuen frei. Weder Familien- noch Schichtzugehörigkeit sollen den individuellen Lebensentwurf determinieren, so der Anspruch, dem sich vor allem auch das Bildungs- bzw. Erziehungssystem verpflichtet fühlt. Wechsel zwischen den Schichten und den Staaten sind möglich: territoriale und soziale Mobilität. Die moderne Gesellschaft stellt von vertikaler auf primär horizontale Differenzierung um, allerdings nicht mehr territorial, abstammungsbezogen gemeint, sondern nun funktional. Entscheidend ist es, zu wissen, wann es worauf ankommt: auf Bezahlen, auf Wahrheit, auf Liebe, auf Kunst, auf Krankenbehandlung oder auch auf Gottesdienst. Niemand kann ohne weiteres von der Teilnahme an diesen Kommunikationsformen ausgeschlossen werden, wenn er bzw. sie sich an deren Regeln hält.

An der Supermarktkasse hilft mir kein Glaubensbekenntnis, da muss ich bezahlen. Ich kann zwar versuchen, damit zu argumentieren, wie schlecht die Geldwirtschaft offensichtlich funktioniert, aber bezahlen muss ich trotzdem. Wenn ich hingegen die Wahre einfach mitnehme, ohne zu bezahlen, dann komme ich mit dem Gesetz in Konflikt. Darum wiederum darf sich nur der Staat kümmern, in diesem Fall in Form der Polizei. Der Filialleiter kann mich zwar anzeigen, aber nicht verhaften und einsperren, sonst hätte er selbst die Polizei auf dem Hals. Wenn dann also die Polizei kommt und sich möglicherweise herausstellt, dass der Verhaftete der Sohn eines der beteiligten Polizisten ist, wird die Kommunikation zwischen diesen Beiden sofort in einen familiären Tonfall umschlagen. Das rettet natürlich nicht vor der Verhaftung, genauso wenig wie im Übrigen eine Beichte davor bewahren würde. Es gab Zeiten, da war das durch eine öffentliche Buße durchaus möglich. Heute geht das nicht mehr. Das ist funktionale Differenzierung.

Ich will dieses Beispiel nicht überstrapazieren, aber man könnte es natürlich weiterspinnen: Wenn bei dem ganzen Vorfall eine Kamera im Spiel gewesen wäre, hätte es sich möglicherweise um einen Film gehandelt, also um einen Beitrag aus dem Bereich der Kunst oder der Massenmedien. Und wenn Sie nun dieses Beispiel noch in den Rahmen dieses Vortrags auf dieser Tagung einordnen und bemerken, dass da jemand offensichtlich die Absicht hat, dass Sie dadurch etwas besser verstehen – und Sie möglicherweise geneigt sind, zu überlegen, ob man das Ganze nicht auch anders sehen könnte, dann befinden wir uns schon mit einem Bein im Bildungs- bzw. Erziehungssystem. Das zweite Bein käme hinzu, wenn am Ende noch Ihre Lernleistung zensiert würde – und Sie sich überlegen müssten, wie Sie mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel herausholen könnten.

Damit hätten wir dann neun Funktionssysteme gestreift: Wirtschaft (Geld), Religion (Glaubensbekenntnis), Wissenschaft (Argument), Recht (Gesetz), Politik (staatliche Gewalt), Familie (Liebe), Kunst, Massenmedien und Bildung bzw. Erziehung. Familie unterscheidet sich von all diesen Systemen dadurch, dass sie das einzige ist, in dem die Person als Ganze wichtig ist: Totalberücksichtigung der Person, Vollinklusion der Person.

Funktionale Differenzierung bedeutet: Zwischen Wirtschaft, Politik, Recht usw. gibt es keine regionalen Grenzen und keine Über- und Unterordnung, sondern wenn man so will eine Arbeitsteilung. Auf den im Moment relevanten Gesichtspunkt kommt es an. Jedes dieser Funktionssysteme folgt seinen eigenen Regeln und erwartet dasselbe von den anderen. Kein System ist durch ein anderes ersetzbar: System hier nicht verstanden als eine Menge oder ein Areal, sondern als eine Form des Welt- und des Selbstverstehens, als eine Form der Weltbearbeitung. Man muss sich von räumlichen Assoziationen lösen.
Man kann sich das Recht nicht erkaufen, und wenn dennoch der Eindruck entsteht, so regt sich Protest. Politiker, die von Unternehmen Geld oder andere Leistungen entgegennehmen, geraten unter den Verdacht der Korruption. Vor Gericht zählen Gesetze und nicht die Bibel, im Parlament entscheiden gewählte Mehrheiten und keine Dogmen. Das war nicht immer so.

Die Kirchen befinden sich deshalb heute auch in einer anderen Lage. Der christliche Glaube umfasst nicht mehr das Ganze, ist nicht mehr die letztgültige Welt- und Selbsterklärung. Diese Entwicklung wurde auch als Säkularisierung beschrieben. Worum geht es? Das Christentum bildet nicht mehr die Spitze oder die Einheit der Gesellschaft, sondern nur noch eine Sicht unter anderen. Die Säkularisierung betont den Verlust. Man kann aber auch den Zugewinn an Freiheit sehen: Religion darf für Wirtschaft, Politik, Recht usw. keine unmittelbare Rolle mehr spielen, auch wenn sie dort natürlich Thema bleibt, heute mehr denn je. Umgekehrt ist die Religion von wirtschaftlichen oder politischen Interessen frei zu stellen: Religionsfreiheit.

Die funktional differenzierte Gesellschaft geht mit Unterschieden nicht in Form von Exklusion um, sondern in der Form der Unterscheidung und des Vergleichs von Sichten und Standpunkten. Sie unterscheidet primär kulturell und nicht territorial oder hierarchisch. Sie tendiert zur globalen Weltgesellschaft. An der Wirtschaft zeigt sich diese Tendenz zuerst. Spätestens durch die Finanzkrise sieht sich aber auch die Politik herausgefordert, von nationalstaatlichen auf internationale Maßnahmen umzustellen. Aber schon die NGOs sind ein Beispiel dafür, dass die nationalstaatliche Politik längst an ihre Grenzen stößt. Die Katholische Kirche könnte da eigentlich einen historischen Vorteil haben.

Die moderne funktional differenzierte Gesellschaft schließt alle ein, um den Preis, dass diese Inklusionsleistung nicht mehr durch Interaktion zu erbringen ist. Interaktion wird etwas Besonderes, wenn Kommunikation auch auf andere Weise möglich ist. Interaktion wird unwahrscheinlicher und zugleich freier von gesellschaftlichen Erwartungen, wie z.B. im Fall der höfischen Kommunikation. Sie kann ohne weiteren Zweck der reinen Geselligkeit dienen. Zugleich kann sie äußerst anspruchsvolle Kommunikationsformen entwickeln bis hin zu intimen Beziehungen. Liebe gilt heute als Basis der Familie und ist idealerweise von wirtschaftlichen oder politischen Überlegungen befreit, außer möglicherweise im Adel, aber auch dort hält die Liebe Einzug.

5. Organisation


Auf diese Freigabe der Interaktion in der modernen Gesellschaft antwortet eine neue Kommunikationsform: die Organisation. Sie ist eine neuzeitliche Errungenschaft. Vorläufer finden sich z.B. in den Zünften oder den Städten. Auch die Katholische Kirche bildet natürlich eine historische Vorreiterin für diese Form, bis hin zum Aufbau von Bürokratien.

Organisationen versorgen die Gesellschaft mit unwahrscheinlichen Interaktionen, basieren aber selbst nicht auf Interaktionen, sondern auf Entscheidungen. Sie machen die Inklusion nicht von Anwesenheit, sondern von Mitgliedschaft abhängig, über die entschieden werden muss, ebenso wie über Stellen, Aufgaben, Prozesse usw. Entscheidungen folgen auf Entscheidungen. Organisationen produzieren Entscheidungen aus Entscheidungen. Bei Reformen zeigt sich das besonders deutlich. „Alle Herkunft – von der Gründung der Organisation bis zur Besetzung der Mitgliedschaftsrollen mit Personen – muss daher in der Organisation rekursiv als eigene Entscheidung behandelt werden.“

Nur Mitglieder werden als anwesend behandelt, alle anderen als abwesend. Dasselbe wiederholt sich bei der Zusammensetzung von Konferenzen, Projekten, Arbeitsteams usw. Organisationen schließen ein um den Preis des Ausschlusses aller anderen. Sie unterscheiden Leistungsrollen von Publikums- oder Kundenrollen.

Organisationen durchbrechen die Schichtgrenzen und bauen eigene Hierarchien auf, die Aufstiegsmöglichkeiten versprechen. Entscheidend ist die Profession, nicht die Herkunft – idealerweise.

„Entscheidungen entstehen durch Erwartungsdruck, und wenn dieser Druck in einer Weise organisiert ist, dass die Mitgliedschaft in einer Organisation, die berufliche Existenz oder zumindest die Karriere und das Ansehen im System von ihrer Erfüllung abhängen, wird man besondere Verhaltensweisen zu erwarten haben, die ‚in der freien Natur’ nicht vorkommen.“

Organisationen lenken die Kommunikation auf spezifische Funktionen, im vorhin erklärten Sinn: Wirtschaft (Banken), Politik (Verwaltungen), Recht (Gerichte, Anwaltskanzleien), Bildung bzw. Erziehung (Schulen), Krankenbehandlung (Krankenhäuser), Seelsorge (Kirchen).

Interaktion in Organisationen: Sowohl dass und wie Interaktion in Organisationen ermöglicht wird, setzt Entscheidungen voraus (z.B. Einrichtung von Krankenzimmern und Festlegung von Besuchszeiten, Einrichtung eines Gottesdienstraumes und Festlegung von Gottesdienstzeiten), als auch dass und wie Interaktion Einfluss auf Entscheidungen bekommt (z.B. durch Konferenzen mit entscheidendem oder beratendem Charakter, wobei nur die Anwesenden wissen, wie die Ergebnisse zustande kamen, die anderen erfahren davon in der Regel nur in der Form von Entscheidungen).

Die Umstellung der Katholischen Kirche auf Organisation kann man bspw. auch an der Bedeutung der Taufe beobachten: Wechsel der primären Bedeutung von Erlösung aus dem Bösen auf Eintritt in die Kirche – mit den bekannten Zuordnungsproblemen, die sich dadurch ergeben.

6. Szene

Sowohl von Interaktion als auch von Organisation ist eine neue Kommunikationsform zu unterscheiden, die im 20. Jahrhundert entstanden ist. Sie bearbeitet ein ähnliches Problem wie die Organisationen aber auf völlig andere Art und Weise: die Szenen. Auch dort spielt die Zugehörigkeit eine wesentliche Rolle, wird aber nicht wie in einer Organisation entschieden, sondern von den Einzelnen selbst bestimmt. Wer sich zugehörig fühlt, hängt von einem selbst ab. Es geht nicht um Entscheidungen, sondern um Outfit, Selbstinszenierung, Performance (sich zeigen und sich sehen lassen) usw., um Identität, aber weder als eine Dauereinrichtung noch als exklusiv verstanden: Szenen sind dazu da, jederzeit wieder verlassen werden zu können, und einzelne können sich mehreren Szenen gleichzeitig zurechnen (Mehrfachzugehörigkeiten bzw. -affinitäten, Szene-Hopping).
Man ist weder hineingeborenes noch formell aufgenommenes Mitglied. Es gibt keine Taufe. Auf das individuelle Gefühl bzw. das subjektive Selbstverständnis kommt es vielmehr an. Insofern knüpfen Szenen an die gesellschaftliche Individualisierung an und forcieren sie weiter. Chancen und Risiken verbleiben beim Einzelnen. Es gibt keine Karriere wie in einer Organisation.

Szenen sind Kommunikationsformen, die wesentlich Computer und Internet voraussetzen, und ohne diese Technik nicht vorstellbar sind. Zu Computer und Internet kommen vor allem zum einen lokale Treffpunkte (Szene-Treffs, Szene-Lokale) hinzu, bei denen jeder weiß, dass dort jederzeit Szene-Leute anzutreffen sind. Man kann aber selbst bestimmen, ob und wann man hingeht. Zum anderen sind es Events, in denen sich die Szene feiert: Gemeinschaftserlebnis.

Natürlich können hier durchaus wirtschaftliche oder massenmediale Interessen anknüpfen, und die Übergänge zur Organisation sind ebenfalls fließend. Bewegungen wie Greenpeace oder Attac sind bestens organisiert, haben aber zugleich auch Szenecharakter.

Szenen versorgen die moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts also ebenfalls – wie die Organisationen – mit Interaktionen, aber auf andere Weise: nicht in Form von Entscheidungen, sondern in Form von Selbstidentifizierungen. Und sie sind in höchstem Maß von interaktionsfreien Kommunikationsmedien abhängig.

Von der Kommunikationsform der Szenen sind die Milieus der Sinus-Milieu-Studie zu unterscheiden. Dabei handelt es sich nicht um soziale, sondern um statistische Gruppen, die bestimmte Eigenschaften verbindet. Sie werden mit Methoden der Marktsegmentierung gewonnen. In Szenen ordnen sich die Mitglieder selber zu und kommunizieren miteinander. Szenezugehörigkeiten können Merkmale einer Milieu-Gruppe sein.

Ob diese Szene-Kommunikation eine vorübergehende Zeiterscheinung darstellt oder der Anfang einer neuen Entwicklung ist, bleibt abzuwarten. Vieles spricht m. E. dafür, dass sich Szenen als weitere Kommunikationsform neben Interaktion, Organisation und Funktionssystemen etablieren werden. Wohin die funktionale Differenzierung führen wird, lässt sich freilich genauso wenig vorhersagen, wie die Auswirkungen, die die rasante Ausbreitung von Organisationen über alle Lebensbereiche haben wird.

Die andere Frage ist, was mit einer Religion passiert, die an das anknüpft, was Szenen ansprechen: individuelle Identität, Religionen also, die das verlorene Ganze (Ontologie, Metaphysik, hierarchische Ordnung) nun im individuellen Subjekt bzw. Bewusstsein wieder zu finden trachtet – als Hilfe zur mehr oder weniger konsistenten biografischen Selbstthematisierung. Ob allerdings Konsistenz die Stärke von Religion ist und nicht vielmehr der Umgang mit Paradoxien, will ich an dieser Stelle offen lassen.

Schluss

Damit komme ich zum Schluss: Wie findet in den verschiedenen Kommunikationsformen Inklusion statt?

  • Interaktion inkludiert durch Anwesenheit (wechselseitige Wahrnehmung) und hat einen entsprechend hohen Exklusionsgrad.

  • Organsiationen inkludieren durch Mitgliedschaft und haben einen entsprechend hohen Exklusionsgrad. Interaktion findet unter der Voraussetzung von Entscheidungen statt.

  • Szenen inkludieren durch Selbstidentifizierung und haben einen entsprechend hohen Exklusionsgrad. Interaktion hat vor allem Erlebnischarakter und setzt interaktionsfreie Kommunikation (Computer, Internet) voraus.

  • Gesellschaft hat einen geringen Interaktionsgrad, kennt aber dafür keine Exklusion, nur inkludierende Exklusion, an der vor allem wieder Organisationen beteiligt sind, Organisationen wohlgemerkt, die selbst vor allem auf Exklusion angewiesen sind (Nicht alle können Mitglied sein): Gefängnis, Psychiatrie, Favela. Bezeichnend: In den Armenvierteln dieser Welt sind vor allem auch die Kirchen engagiert.

Auf diesem Hintergrund erklären sich möglicherweise auch so manche Verwirrungen in der Kirche: Für wen ist die Kirche eigentlich da? Wer ist berechtigt, sich an ihrer Kommunikation zu beteiligen, sich auch entscheidend zu beteiligen? Wer ist drinnen, wer draußen? Ist die Kirche primär Interaktion, Organisation, Szene oder Funktionssystem? Fragen, die konkret werden z.B. bei den Katholischen Kindertagesstätten oder bei der Neuordnung der territorialen Seelsorge.

Damit stellt sich die Frage, ob man Inklusion noch interaktionsanalog, also als möglichst ununterbrochene Anwesenheit begreifen kann, oder ob man besser nach einer anderen davon unabhängigen Symbolisierung suchen sollte.

Die Familie ist die einzige soziale Realität, die ganz und gar auf Anwesenheit ausgerichtet ist, weil es die Vollinklusion bzw. Totalberücksichtigung der Person verlangt. Hier muss man sich erklären, wenn man unerwartet abwesend ist.

Es sollte deutlich geworden sein, dass der Begriff der Gemeinschaft wenig zur analytischen Schärfung des pastoralen bzw. praktisch-theologischen Blicks beiträgt. Er kann für nahezu alles gebraucht werden. Stattdessen habe ich zwei andere Begriffe vorgeschlagen, die möglicherweise hilfreicher sind: Interaktion und Inklusion. Sie greifen auf den Begriff der Kommunikation zurück, in dem im Übrigen ebenfalls die Wortwurzel „communis“ steckt. Ich habe allerdings dabei die Aspekte der Intransparenz und der Unkontrollierbarkeit besonderst hervorgehoben. Kommunikation besorgt nicht den Austausch von Gedanken und Gefühlen, sondern tritt mit ihren eigenen Medien und Strukturen dazwischen. Sie beruht auf erheblichen gesellschaftlichen Voraussetzungen, die den Einzelnen sehr viel zumuten.

Einen Aspekt kann man dem Gemeinschaftsbegriff aber vielleicht doch abgewinnen, wenn man sich an seine Wortwurzel erinnert: „gemein“. Dann kann man fragen: Mit wem oder was machen wir uns gemein? Mit wem oder was macht sich der christliche Glaube gemein? Mit wem oder was macht sich Gott gemein, nach der Überzeugung dieses Glaubens?

Gotteserfahrung und Gottesbegegnung aber sind Phänomene, die Interpretation voraussetzen. Interpretationen jedoch sind in erheblichem Maß in gesellschaftliche Bedingungen eingebettet: Kommunikationsformen, Ordnungsvorstellungen, semantische Strukturen usw.

Welche Formen von Kommunikation fallen in der Kirche besonders auf, und welche Formen dominieren tatsächlich: freie Interaktionen, organisierte Interaktionen, interaktionsfreie Kommunikationen, Events, Mitgliedschaftsformen, Leistungsrollen, Publikums- bzw. Kundenrollen? Welche Erwartungen (eigene sowie von anderen) sind daran geknüpft, wieso, und mit welchen Konsequenzen für den Verlauf der Kommunikation, insbesondere im Bezug auf Inklusion und Exklusion? Welche theologische Bedeutung wird all dem beigemessen?
 
Literatur

André Kieserling, Kommunikation unter Anwesenden. Studien über Interaktionssysteme, Suhrkamp Frankfurt a.M. 1999.

Rudolf Stichweh, Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie, Transcript Bielefeld 2005.

Ronald Hitzler / Thomas Bucher / Arne Niederbach, Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftungen heute, VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2009.

Pastoraltheologische Informationen 28 (2008), Heft 1: Plurale Wirklichkeit Gemeinde.

Bernhard Fresacher, Kommunikation. Verheißungen und Grenzen eines theologischen Leitbegriffs, Herder Freiburg i.Br. 2006.