Prof. Dr. Bernhard Fresacher

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„Familie“

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Todgesagte leben länger. Das trifft auf die Familie ebenso zu wie auf die Religion. Noch mehr: Die Familie scheint ein religiöser Faktor zu sein und umgekehrt die Religion ein familienproduktiver. Mit der Familie kehrt die Religion wieder – und mit der Religion die Familie. Stimmt das?


Bernhard Fresacher

Trier 2008

Familie aus praktisch-theologischer Perspektive


„Die Weisheit, die Familie aus sich heraus gebären kann, kommt nur, wenn sie auch erwartet wird, ernsthaft, mit dem ganzen Aufwand des Zutrauens.“

In der Praxis der territorialen und der kategorialen Seelsorge, der Beratungsstellen, der Bildungsarbeit und der Caritas werden regelmäßig lokal und regional unterschiedliche, situationsspezifische eigene Akzente gesetzt. Weitgehend ungelöst bleibt dabei das Problem des Erfahrungs- und Wissenstransfers zwischen diesen professionellen Arbeitsbereichen. Insbesondere die territoriale Seelsorge hat Schwierigkeiten die in den anderen Arbeitsbereichen wahrgenommenen Familienrealitäten adäquat einzubeziehen.

Aufgabe dieser Darstellung ist es allerdings nicht, solche und andere Schwierigkeiten zu beschreiben , sondern das Thema Familie aus praktisch-theologischer Perspektive zu beleuchten. Sie beschränkt sich auf wenige ausgewählte Kernpunkte.

Familie ist pastoraltheologisch, pastoralsoziologisch, religionspädagogisch, sozialethisch, moraltheologisch, dogmatisch, insbesondere anthropologisch und sakramententheologisch, sowie kirchenrechtlich ein Thema in der Theologie. Die Perspektiven sind entsprechend unterschiedlich. Im Folgenden geht es in erster Linie um die pastoraltheologischen und pastoralsoziologischen Perspektiven.

Die lehramtlichen Verlautbarungen basieren weitgehend auf Aussagen der Katholischen Soziallehre seit der Enzyklika Papst Leo XIII. „Rerum novarum“ (1891), vor allem auf der Vorstellung von der Familie als natürlich vorgegebener, nach der Schöpfungsordnung grundgelegter „Keimzelle“ der Gesellschaft. Daraus lassen sich durchaus Impulse für Politik, Recht oder Wirtschaft ableiten, in denen es um bessere soziale Voraussetzungen für Familien geht.  „Doch erweist sich das skizzierte Denkmodell dann, wenn es nicht bloß um solche Voraussetzungen, sondern um ein Sehen und Verstehen der gelebten Wirklichkeit(en) von Familie(n) geht, als völlig unzureichend.“ 

Die Spannung zwischen diesen beiden Zugängen zum Thema Familie zeigt sich anschaulich in dem von der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 22.9.1998 verabschiedeten und zum Familiensonntag am 17.1.1999 veröffentlichten Wort der deutschen Bischöfe zu „Ehe und Familie – in guter Gesellschaft“, in dem diese in zwei Teilen unvermittelt hintereinander gereiht sind.

Das 2. Vatikanische Konzil hat versucht, diese beiden Zugänge miteinander zu vermitteln, explizit in der Pastoralen Konstitution Gaudium et spes. In der leicht übersehenen Sternchen-Fußnote zum Titel der Konstitution wird die pastorale Qualität der Lehre hervorgehoben, die die „veränderlichen Umstände, mit denen die Dinge, um die es sich handelt, ihrer Natur nach verknüpft sind“, zu berücksichtigen habe (vgl. auch GS 91).

Als Methode dieser Berücksichtigung gibt Gaudium et spes die Interpretation derZeichen der Zeit im „Licht des Evangeliums“ an und als Voraussetzung dafür das Unterwegssein des „Volkes Gottes“ mit dem „Menschengeschlecht, dem es eingefügt ist“ (GS 4 und 11).

Die Gesellschaft ist demnach nicht „das feindliche Außen, sondern der Ort, an dem das Evangelium scheitert oder zur Geltung gebracht wird und ohne den es überhaupt nicht in seiner Bedeutung erschlossen werden kann“  .

In diesem Sinn geht Pastoral „weit über das hinaus, was der klassische Seelsorgebegriff als die individuelle, heilsorientierte, lebenslange ‚Seelenführung’ von Laien durch Kleriker umfasst.“  Sie unterscheidet sich von einem herkömmlichen Verständnis von Pastoral im Sinn von Fürsorge (in der sich die Kirche als Beschützerin der Schwachen aus einer Position der – geistlichen und moralischen – Überlegenheit heraus darstellt) und bedeutet eine kritische Zeitgenossenschaft,   die vom gesellschaftlichen Involvement der Kirche (von Anteilnahme im Sinn von GS 1) und von einer „Autonomie der irdischen Dinge“ (GS 36) ausgeht.

In diesem Verständnis von Pastoral erscheint die Familie als eine eigenständige soziale Realität, die ihrer eigenen Dynamik folgt und nicht für andere Zwecke zu vereinnahmen ist. Das 2. Vatikanische Konzil hebt entsprechend die Liebe als Grundlage der Ehe und der Familie hervor (vgl. LG 11 und GS 48).

Die grundlegende pastorale Herausforderung der Familie besteht folglich – nach dem Pastoralverständnis des 2. Vatikanischen Konzils – darin, zu verstehen, wie unter den Voraussetzungen der „Autonomie der irdischen Dinge“ und der „veränderlichen Umstände“ heute in der sozialen Eigendynamik der Liebe das Evangelium zur Geltung kommen kann.

Das normative Bild von Familie, das in der Kirche vorherrscht, und die konkreten kirchlichen Erwartungen an Familien, z.B. im Bezug auf religiöse Erziehung, Kirchgang oder Erstkommunion, decken sich kaum (mehr) mit den tatsächlichen Erfahrungen und Einstellungen in den Familien selber. Von den wenigsten werden auch die sexualmoralischen Vorstellungen als vernünftig und realistisch nachvollziehbar erlebt. Darauf haben bereits die deutschen Bischöfe auf der Würzburger Synode hingewiesen.  Hinzu kommt das bis heute pastoral ungelöste Problem der konfessionsverschiedenen Familien.

Religion bzw. religiöse Praxis hingegen hat durchaus z.T. erhebliche Relevanz für die Erziehung der Kinder und für das eigene Selbstverständnis als Familie, was sich z.B. bei Festen im Kirchenjahr, allen voran Weihnachten, Kinder- und Familiengottesdiensten oder Taufe, Erstkommunion und Trauung zeigt. Ihre Bedeutung unterscheidet sich jedoch z.T. gravierend von der kirchlichen Bedeutung dieser Feste einerseits. Aber auch zwischen den Familien andererseits gibt es z.T. große Unterschiede in der Sinnzuschreibung dieser Feste, abhängig von den sozialen Verhältnissen und den eigenen Wertorientierungen. 

Jedenfalls lässt man sich dabei nicht (mehr) ohne weiteres sagen, wie man es richtig zu machen hat, geschweige denn für Ziele der kirchlichen Organisation vereinnahmen. Das Verhältnis scheint vielmehr umgekehrt zu sein: Familien bedienen sich kirchlicher Angebote zur Deutung ihrer eigenen Identität. Auf kirchlicher Seite ist dies oft der Anlass, sich über das Versagen der Familie zu beklagen. Zumindest entsteht ein Dilemma: einerseits werden die unterschiedlichen Realitäten von Familie in der pastoralen Praxis hingenommen, andererseits wird kontrafaktisch an einem einheitlichen Ideal von Familie festgehalten.

Pastoraltheologisch und pastoralsoziologisch rücken vor allem zwei Aspekte von Familienrealitäten mehr und mehr in den Vordergrund:

-    die Eigendynamik der Liebesbeziehungen und der Familienbeziehungen (Unterscheidung von verschiedenen Phasen) und

-    die Ausdifferenzierung der praktizierten Beziehungsformen, der ehelichen und der nicht ehelichen sowie der familialen Formen.

Dementsprechend wird auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die durch die Norm einer strengen, ausnahmslosen Kopplung von Ehe und Familie für die Pastoral entstehen: konkret durch die Ablehnung jeglicher Art vor- oder außerehelichen Geschlechtsverkehrs sowie so genannter „künstlicher“ Empfängnisverhütung, der Wiederheirat von Geschiedenen und damit der Wahrnehmung und der Akzeptanz der Realität von Patchworkfamilien.

Gegenüber einem starren und uniformen Familienbild wird die Bedeutung einer differenzierten und phasenspezifischen Sicht hervorgehoben (die Relevanz von Familienerfahrungen in ihrer gesamten Bandbreite) und gegenüber kirchlichen Vereinnahmungsversuchen (Familie als eine Art Hauskirche, Eltern als erste Katechetinnen und Katecheten) die Eigenständigkeit und Verschiedenheit der Familien betont:

-    Jede Familie hat etwas Patchworkartiges, nicht nur die Patchworkfamilien. Der Umgang mit Unterschieden und Widersprüchen ist ihr täglich Brot: Wie lässt sich Liebe auf Dauer einrichten? Wie lassen sich Kinder zur Freiheit erziehen? Wie lässt sich mit Verwandten erträglich auskommen?

-    Familie, das scheinbar Natürlichste auf der Welt, ist historisch und kulturell erstaunlich wandlungsfähig.

-    Familie besteht (heute) aus zwei „Systemen“, der sexuellen Liebesbeziehung und der Verwandtschaft.

-    Familie gewinnt ihre Stabilität aus der Instabilität (Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Veränderungsbereitschaft). Eine Familie von heute kann morgen schon anders sein. Jede Familie hat ihre eigene Geschichte.

-    Jede Familie hat mit Erwartungen und Zumutungen zu kämpfen, von außen wie von innen, Interessen der Wirtschaft, der Politik, der Pädagogik (Kindergarten, Schule, Erziehung) oder der Kirche ebenso wie eigene Ansprüche der Liebe, der Verwandtschaft, der Eltern-Kind-Beziehung oder der Generationensorge.

-    Insofern ist es erstaunlich, dass es so etwas wie Familie überhaupt gibt. Statt eines defizitorientierten Blicks ist ein ressourcenorientierter Blick angesagt, der freilich die Schwierigkeiten nicht ausblendet.  Familie bedeutet keineswegs nur heile Welt, sondern schließt – wie im Übrigen andere soziale Realitäten auch – Gewalt, Herabsetzung, Verzweiflung mit ein.

„Besonders wichtig ist, dass die Pfarrgemeinden offen sind für alle Familien. Die ‚vorrangige Option für die Armen’ verlangt eine besondere Aufmerksamkeit für die Familien, die sozialen Belastungen ausgesetzt sind: die von Arbeitslosigkeit betroffen sind, die am Rande des Existenzminimums leben, die fremd sind in Deutschland. Auch die Familien, die den kirchlichen Vorstellungen und Erwartungen nicht voll entsprechen, gehören zur Gemeinde und dürfen Offenheit und einladendes Entgegenkommen erwarten.“

„Familienpastoral bedeutet deswegen nicht zuerst die Schaffung besonderer Angebote für Familien, sondern fordert auf, in allen kirchlichen Vollzügen im Blick zu haben, dass die Glieder der Pfarrgemeinde zumeist Mitglieder von Familien sind.“  Damit sind nicht zuletzt auch die heutigen Herausforderungen einer work-life-balance angesprochen, im Zueinander von privatem Leben – in einer Familie oder ohne Familie –, von Erwerbstätigkeit und ehrenamtlichem bzw. freiwilligem Engagement.

Die Kirche hat damit sowohl als Arbeitgeberin (nicht nur hinsichtlich einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch sanktionierbarer Ansprüche an die private Lebensführung) zu tun, als auch als „Ehrenamts- bzw. Freiwilligenagentur“, als auch als Anbieterin von Leistungen, die mehr oder weniger Rücksicht auf Familien nehmen.

Der Kirche wird einerseits Unkenntnis, insbesondere in der sexuellen Liebe, und andererseits Verwechslung mit einer Familie (Pfarrfamilie, Kirche als Familie Gottes) vorgeworfen, einerseits Nichtbeachtung bzw. Vernachlässigung und andererseits Idealisierung bzw. Überbewertung der Familie (Familialismus).  Entscheidend scheint es deshalb zu sein, zu unterscheiden und vom Unterschied zwischen Kirche und Familie ausgehend, danach zu fragen, was man in der Kirche von den Familien lernen kann, was man nicht von ihnen erwarten kann, und was die Kirche für die Familien in unterschiedlicher Weise (realistisch) leisten kann: Wir haben keinen Einfluss auf Familien, es sei denn sie geben ihn uns.

Daraus könnten sich folgende Aufgaben stellen:

-    Konflikte und Widersprüche zuzulassen,

-    Defizitorientierung und Verteufelungen entgegenzuwirken,

-    verschiedenste Erfahrungen und Sichtweisen einzubeziehen,

-    von unterschiedlichen professionellen Zugängen zu profitieren,

-    für Wissenstransfers zu sorgen,

-    Bewährtes und Neues zu kombinieren,

-    usw.

Pastoral im Sinn des 2. Vatikanischen Konzils betrachtet bedeutet dies immer eine Berücksichtigung des gesellschaftlichen Involvements von beiden: sowohl der Familie als auch der Kirche – in einer sozial und kulturell sich verändernden Gesellschaft.

Jedenfalls ist für die Familienpastoral das Verständnis von Pastoral, das dahinter steckt, zu klären.







Bernhard Fresacher

Trier 2004

Familie als pastorale Herausforderung in der Zeit – Chancen einer Kooperation zwischen Seelsorge, Beratung, Sozialer Arbeit und Bildung

Einleitung


Todgesagte leben länger. Das trifft auf die Familie zu. Sie ist offensichtlich attraktiver denn je – was immer man mit ihr verbindet.

Vorwerk hat im Herbst 2003 einen Werbefilm gestartet, der dies sehr gut zeigt. Ich will nur einen Aspekt daraus herausgreifen: Der Film spielt mit der Differenz der Familienbilder – und diese sind immer auch mit Geschlechtsrollenzuschreibungen verbunden: Was zeichnet die neuen Mütter aus? Was die neuen Väter? Die Antworten dazu ändern sich bekanntlich von Jahr zu Jahr.  Aktuell ist, wie sich die Grenzen zwischen Familie und Wirtschaftsunternehmen verschieben. Familien werden als Unternehmen vorgeführt und Unternehmen stellen sich wie eine Familie dar. Mütter sind als Familienmanegerinnen und Konsum-Entscheiderinnen ein einzigartiges Potenzial für die Werbung. Schwangere sind fotogen.

Das, was die Familie attraktiv macht, ändert sich mit der Zeit und je nach Sicht und Interessen. Ihre Attraktivität ist in all diesen Unterschieden auch heute ungebrochen. Dafür sprechen die empirischen Untersuchungen der vergangenen Jahre. Europaweit liegt die Familie als sehr wichtiger Wert an erster Stelle deutlich vor der Arbeit und der Freizeit: Note 1,2 gegenüber 1,5 und 1,9 auf einer Skala zwischen 1 (= sehr wichtig) und 4 (= überhaupt nicht wichtig); von durchschnittlich 84% der Befragten wird Familie für sehr wichtig gehalten, Arbeit hingegen nur von 58% und Freizeit von 32%; der Anteil ersterer, variiert zwischen 67% (Litauen) und 96% (Malta). Großbritannien, Irland, Italien, Polen und Ungarn kommen zu ähnlich hohen Werten, während Deutschland in Richtung Litauen tendiert.

Zugleich entdeckt Europa auch die Religion wieder. Dies hat jetzt auch der philosophische Meinungsführer in Deutschland, Jürgen Habermas, erkannt. In diesem Zusammenhang hat zum Beispiel die einvernehmliche Begegnung zwischen Kardinal Ratzinger und Habermas im Frühjahr in München für Aufsehen gesorgt. Dabei handelt es sich nicht nur um zwei unabhängige Tendenzen. Familie und Religion kommen in diesem Trend auch zusammen. 

Die Forschung bestätigt zum Beispiel schon seit längerer Zeit, dass familienorientierte Jugendliche (also Jugendliche, die später einmal eine Familie gründen möchten) stärker religiös interessiert sind als andere.

Wir könnten also zufrieden sein: Es gibt keinen Abschied von der Familie. Die Familie ist moderner denn je – und zudem auch noch ein religiöser Faktor. Mit der Familie kehrt die Religion wieder – und mit der Religion die Familie. Was wollen wir mehr?

So einfach ist es aber nicht. Und wäre dies auch wirklich erstrebenswert?

1. Die natürlichste Sache der Welt


Schon bei relativ ungenauer Betrachtung verliert die Familie ihre Selbstverständlichkeit. Wissen wir überhaupt, wovon wir sprechen? Die Jugend, die mit der Familie einen der obersten Werte verbindet, macht sich längst keine Illusionen mehr über das, was mit einer Familie in der Realität auf einen zukommt.

Kinder zu bekommen ist kein Schicksal, sondern eine Entscheidung.  So lautet die moderne Zuschreibung. In ihr steckt natürlich – abgesehen von der Illusion der rational-choice-Annahme  – ein Widerspruch. Denn die Familie ist – trotz medizinischem oder pädagogischem Fortschritt – immer noch eine Überraschung. Ich meine damit nicht in erster Linie, dass die Zahl der ungewollten Schwangerschaften in Deutschland relativ hoch ist, sondern dass auch das, was auf eine Geburt folgt, unvorhersehbar ist – trotz intensivster Geburtsvorbereitung und der Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik. Wie soll man planen, was sich nicht vorhersehen lässt. Dennoch war Vorbereitung noch nie so groß geschrieben wie heute und die Gestaltung des Familienlebens, der Work-Life-Balance oder der Geschlechtsrollenaufteilung noch nie eine so schwierige Entscheidung. Zugleich müssen Kinderlose mit dem Verdacht leben, nur an sich zu denken oder nicht genug getan zu haben, um Kinder zu bekommen.

Wer das Thema Familie in Deutschland behandelt, darf aber auch das Armutsrisiko nicht vergessen, das mit Kindern verbunden ist: Kinder sind eine Bereicherung, die mit hohen finanziellen Kosten verbunden ist, die Familien in erhebliche Schwierigkeiten bringen können.

Ein Text von Kurt Tucholsky (1890-1935) bringt uns der Realität der Familie von einer anderen Seite ein Stück näher:

Die Familie kommt in Mitteleuropa wild vor und verharrt gewöhnlich in diesem Zustand. Sie besteht aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken: alle Mitglieder der Innung nehmen dauernd übel. Irgendeine Möglichkeit der Familie sich zu entziehen, gibt es nicht. Und wenn die ganze Welt zugrunde geht, so steht zu befürchten, dass dir im Jenseits ein holder Engel entgegenkommt, leise seinen Palmwedel schwingt und spricht: ‚Sagen Sie mal – sind wir nicht miteinander verwandt - ?’ Und eilends, erschreckt und im innersten Herzen gebrochen, enteilst du. Zur Hölle. Das hilft aber gar nichts. Denn da sitzen alle, alle die anderen.

Bekanntlich steht auch in der Bibel eine Anektdote, die diesbezüglich (auch familienpsychologisch) nichts zu wünschen übrig lässt. Das Lukas-Evangelium berichtet sie. Im Codex egberti gibt es ein Bild dazu. Darauf sieht man den zwölfjährigen Jesus im Jerusalemer Tempel, sitzend und lehrend, links und rechts von ihm jeweils zwei Gelehrte, im linken Drittel des Bildes Josef und Maria, der die vorwurfsvolle Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben steht. Die faszinierende Bildkomposition (zu der einiges mehr zu sagen wäre) kommentiert den biblischen Text:

Und seine Eltern pilgerten jedes Jahr nach Jerusalem zum Paschafest. Auch als er zwölf Jahre alt war, zogen sie nach dem Festbrauch hinauf. Und nachdem sie die Tage zu Ende gebracht, verharrte bei ihrer Heimkehr Jesus, das Kind, in Jerusalem. Und seine Eltern merkten es nicht. Aber da sie dachten, er sei in der Reisegesellschaft, gingen sie eine Tagreise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und als sie ihn nicht fanden, kehrten sie auf der Suche nach ihm zurück nach Jerusalem. Und es geschah: Nach drei Tagen fanden sie ihn im Heiligtum, wie er in der Runde der Lehrer saß, ihnen zuhörte und sie befragte. Die ihn aber hörten, gerieten außer sich ob seiner Einsicht und seiner Antworten. Und als sie ihn sahen, waren sie bestürzt, und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, warum hast du uns das angetan? Da! Dein Vater und ich – wir suchen dich voll Kummer. Er aber sprach zu ihnen: Was brauchtet ihr mich zu suchen? Wusstet ihr nicht, dass ich bei der Sache meines Vaters ein muss? Sie aber verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen redete. Dann ging er mit ihnen hinab und kam nach Nazaret. Und er war ihnen gehorsam. Und seine Mutter bewahrte all diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus kam voran in der Weisheit, im Wuchs und in der Gnade bei Gott und Menschen. (Lk 2,41-52)

Familie erscheint hier als Ort der Irritation, als ein Ort des Widerspruchs von unterschiedlichen Erwartungen und Programmen. Ein Kind, von dem man es nicht erwartet, durchkreuzt die Vorstellungen der Eltern. Das kennt wohl jeder von uns aus eigener Erfahrung (sei es aus Sicht des Kindes, sei es aus Elternsicht).

Hinzu kommt das theologische Moment. Es bringt Familie und Glaube in einen Unterschied, in einen Kontrast zueinander. Es gibt im christlichen Glauben bekanntlich einen starken familienkritischen Zug. Dieser wird gerne in einen Gegensatz zum familienorientierten Judentum gebracht. Aber auch dort ist die familienkritische Tradition enthalten: Die Familie ist nicht das Heiligtum; sie verspricht vielmehr ein äußerst ambivalenter und konfliktträchtiger Ort des Gottesverhältnisses zu sein. Davon weiß das Alte Testament bekanntlich mehr als das Neue. Die Autorität der Familie im Bezug auf den Glauben wird in Frage gestellt: Gott ist der Vater.

Der Text von Lukas gibt natürlich auch Aufschluss über die Erziehungspräferenzen der Zeit. Damals wurde offensichtlich vor allem auf Gehorsam Wert gelegt (aber auch dazu müsste man Differenzierteres sagen). Heute werden bekanntlich Freiheit und Selbstbestimmung als oberste Werte der Erziehung bevorzugt.

2. Familienrealitäten


Die Familie steht also in historischen und kulturellen Zusammenhängen.  Sie fällt nicht vom Himmel. In einem ersten Teil will ich mich mit dieser kontingenten Lage der Familie auseinandersetzen und dann in einem zweiten Teil die Chancen ansprechen, die möglicherweise in einer Kooperation zwischen Seelsorge, Beratung, Sozialer Arbeit und Bildung im Bereich der Familie liegen. Die Fülle des Materials legt für die Kürze des Textes die Form der Thesen nahe, die auch weitgehend auf Statistik verzichten. Mir kommt es auf die Sicht an. Für den ersten Teil habe ich acht Thesen, für den zweiten sechs. Sie können natürlich nicht den Anspruch der Vollständigkeit erheben. Es kommt auch nicht auf die Reihenfolge an. Man könnte genauso gut mit der letzten These beginnen. Das Ganze kann nur ein Anstoß sein.

These 1: Die Familie ist nicht selbstverständlich.

Das, was wir als normal voraussetzen, ist sehr unwahrscheinlich. Unser geschulter Blick für das Defizitäre täuscht uns darüber hinweg.

Bei genauerer Betrachtung, stellt sich die Familie nämlich als ein unmögliches Unterfangen heraus. Die Frage ist: Wie ist Familie überhaupt möglich?

Erklärungsbedürftig ist weniger, warum die Familie nicht ist, wie sie sein soll, als vielmehr: warum es sie gibt, warum wir sie so antreffen, wie wir sie antreffen. Wie kommt es, dass Sie in der Beratung, in der Sozialen Arbeit oder in der Seelsorge, in den Pfarreien überhaupt mit Familie zu tun haben? Wie kommt es, dass Sie mit den Formen von Familie zu tun haben, mit denen Sie es zu tun haben?

Prinzipien oder Ziele geben in diesen Fragen wenig Auskunft. Biologische Erklärungen helfen ebenso wenig wie supramundane. Viel mehr erfährt man, wann man darauf achtet, wie die Familie das Unwahrscheinliche meistert und das Unmögliche realisiert. Dabei hilft der historische und der kulturelle Vergleich.

These 2: Die Familie bestimmt sich selbst.


Wir haben keinen Einfluss auf eine Familie, es sei denn sie gibt ihn uns. Die Möglichkeiten der Intervention werden überschätzt.

Erstens finden wir uns selbst in familiären Verhältnissen vor, die wir nicht beeinflussen können, weil wir sie nicht durchschauen und weil wir in sie involviert sind. Die Familie weiß mehr als ihre Mitglieder.

Zweitens kann man genauso wenig von außen in eine Familie eindringen oder eine Familie zu etwas bewegen, wie man einen Gegenstand von einem Ort zu einem anderen schieben kann. Wer die Familie wie ein Objekt behandelt, dem entzieht sie sich.

Wenn die Familie nicht selbst ihre eigenen Anknüpfungsmöglichkeiten findet, hat ihr weder die Seelsorge noch die Beratung noch die Soziale Arbeit viel zu sagen.

These 3: Die Familie behauptet sich in den Zumutungen der Gesellschaft als eigener Lebensraum.


Wir sehen, dass die Ansprüche an sie steigen. Die Familie wird leicht mit dem verwechselt, was man ihr zuschreibt: Keimzelle des Staates, Ort des Konsums, Erziehungsanstalt usw. Dahinter stecken Erwartungen von außen: aus der Politik, der Wirtschaft oder der Bildung. Sie deuten eher auf Hausaufgaben hin, die dort nicht gemacht worden sind; sie deuten auf Instrumentalisierungsinteressen hin.

Die Politik hat bevölkerungspolitische Sorgen.

Die Wirtschaft wirbt für die Familie als Konsumentin und erwartet, dass sie für Nachwuchs sorgt, der die sog. soft skills beherrscht: Kommunikationsfähigkeit, Teamgeist, Selbstbewusstsein usw. Unternehmen konzipieren sich selbst wie eine Familie – die vor allem keine andere Familie neben sich duldet. (Das ist die andere Seite, auf der der Werbefilm von Vorwerk beruht.)

Auch die Pädagogik ist sehr an der Familie interessiert. Im Moment schießen Programme zur Stärkung der Erziehungskompetenz der Eltern wie Pilze aus dem Boden.

Nicht zuletzt ist es auch die Kirche, die Ansprüche an die Familie stellt. Dafür werden auch eigene familienkatechetische Konzepte entwickelt.

Wie kann die Familie unter diesem Erwartungsdruck ihre Eigenständigkeit entwickeln?

Die Familie ist keine Demokratie; sie ist auch kein Unternehmen; sie ist keine Bildungseinrichtung; und sie ist auch keine Kirche. Familie ist Familie.

Der Glaube ist selbst für seine Tradierung zuständig, nicht die Familie. Glaube kann nur durch Glauben hervorgerufen werden. Er ist auch nicht Teil der Kirche, sondern die Kirche ist ein Teil des Glaubens. Der Glaube macht die Kirche zur Kirche, nicht die Verwaltung, nicht die berufliche oder ehrenamtliche Professionalität, nicht das Geld, nicht die politische Macht, nicht die Erziehung, und auch nicht die Familie und die Liebe. Dies alles kann dem Glauben eine Gelegenheit geben, aber es ist nicht sein Grund. Die Familie tickt anders als der Glaube, und dieser Glaube definiert sich selbst – wie bereits erwähnt – familienkritisch. Er arbeitet nicht mit Familien-Kategorien, wie zum Beispiel Verwandtschaft oder Erbfolge. Stattdessen setzt er Gott an die Stelle des Vaters und stellt damit die Autorität der Familie in Glaubensangelegenheiten in Frage. Es kommt nicht auf die Keimzelle oder das Blut an, nicht auf die Sippe oder die Nation, sondern Gott erwählt sein eigenes Volk. Die Grenzen dieses Volkes werden weder durch sexuelle Zuneigung noch durch Blutsverwandtschaft definiert, weder durch familiäre noch durch nationale Grenzen. Insbesondere familienkatechetische Konzepte machen sich (wider besseres Wissen) die Illusion, die Familie ließe sich als religiöse Sozialisationsinstanz nutzen. Der Glaube aber sprengt die Grenzen der Familie.

Man darf in diesem Zusammenhang nicht die destruktiven Wirkungen übersehen, die Politik, Wirtschaft, Pädagogik oder auch Religion auf die Familie haben kann. Die Familie gibt es ja nur in den Verhältnissen, unter denen sie vorkommt und ihre spezifischen Formen ausprägt. Diese Verhältnisse unterscheiden sich im historischen und im europäischen Vergleich sehr stark voneinander: rechtlich, kulturell, politisch, ökonomisch, religiös usw.

Die Diskrepanz zwischen ehe- und familienmoralischen Erwartungen und der Realität, mit der die Seelsorge, die Beratung oder die Soziale Arbeit konfrontiert ist, hat auch etwas mit den Zuschreibungen zu tun, denen die Familie in der Gesellschaft ausgesetzt ist. Dabei ist die Familie selbst eine hochmoralische Angelegenheit: sie lernt, mit moralischen Zumutungen so umzugehen, dass sie trotzdem bestehen kann.  Und Widersprüche sind ja in der Familie vorprogrammiert. Ich komme darauf zurück. Wichtig ist hier, dass man erkennt, dass die Familie anders ist, als wie sie beschrieben wird.

These 4: Die Familie stellt sich im Unterschied der Familien dar.


Klar ist: Die Familie gibt es nicht. Man wird sie nirgendwo finden; sie lässt sich auch nicht auf dem Reißbrett entwerfen. Man stößt jeweils nur auf eine konkrete Familie, die sich mehr oder weniger von anderen Familien unterscheidet.

Diese Unterschiede machen nicht nur die unterschiedlichen Familienmitglieder aus (Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Bruder, Schwester usw.), sondern die Form der Eltern-Kind-Konstellation, die Praxis des Geschlechterverhältnisses, das Verständnis von Mütterlichkeit und Väterlichkeit, das ausgeübte Erziehungsprogramm oder die bevorzugte Orientierung in der work-life-balance: Überwiegt die Partnerschaftsorientierung oder die Kindorientierung, die Berufs-, die Karriere-, die Selbstverwirklichungs-, die Freizeit- oder eine andere Orientierung?

Wir haben es mit einer hohen Diversität zu tun. Diese wirft die Frage auf, wie wir angesichts dieser Unterschiede überhaupt erfassen können, was wir als Familie bezeichnen. Wo ziehen wir die Grenze? Wer gehört zur Familie, wer nicht? Worin zeichnet sich die Familie eigentlich aus? Wofür ist sie unersetzbar in der Gesellschaft? Was kann nur sie?

Der 11. Kinder- und Jugendbericht zum Beispiel definiert Familie „als Lebensform von Personensorgeberechtigten mit Kind oder Kindern ...: Eltern mit ein, zwei oder mehreren Kindern, Alleinerziehende, Mehrgenerationenhaushalte ..., binationale Familien ... u.a. Formen des Zusammenlebens.“ (S. 122)

Diese Definition ist (quantitativ) an einer Gruppe von Personen orientiert, die durch Ehe oder Verwandtschaft aufeinander bezogen sind. Man kann mit ihr verschiedene Familienkonstellationen unterscheiden, ob Kinder bei ihren beiden Eltern aufwachsen oder nur bei einem Elternteil, ob sie bei ihren leiblichen Eltern leben oder bei einem Stiefelternteil, ehelich oder nicht-ehelich usw.

Die Bevölkerungsstatistik in Deutschland (hier aus dem Jahr 2000) zeigt dann zum Beispiel, dass die meisten Kinder auch heute noch bis zu ihrem 18. Lebensjahr bei beiden verheirateten, leiblichen Eltern aufwachsen: ca. 82%, gegenüber 

Die Statistik über die Klientel der Lebensberatungsstellen im Bistum Trier (2003) weicht – wie zu erwarten – davon ab:

Für die Seelsorge gibt es keine vergleichbaren Daten. Vermutlich aber ist dort das große Stück Kuchen noch größer (also gegen 90%) und die kleinen Stücke sind noch kleiner. Schon daran sieht man, dass Kooperation das eigene Bild jeweils vervollständigen könnte.

Diese Statistik sagt natürlich wenig über das Qualitative aus, über die Form, das Wie, worin sich eine Familie von anderen Lebenszusammenhängen unterscheidet und worin sich eine Familie von anderen Familien unterscheidet.

Früher war diese „Qualität“ der Familie zum Beispiel primär als ökonomische Einheit definiert, also über Besitz und Erbe. Erbfolge ist bis heute in Königshäusern und im Adel eine wichtige Kategorie von Familie. Heute steht eine andere Form im Vordergrund: die Liebe. Die Familie unterscheidet sich von allen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens durch die Intimität (Privatheit, Sexualität, Personalität usw.) und die freiwillige Sorge für die nächste Generation.

Mit den folgenden drei Thesen möchte ich ein paar Aspekte dieser Sicht von Familie als einer spezifischen sozialen Form aufgreifen: Wir sind es ja gewohnt, von den Familienmitgliedern her zu denken und von den Konstellationen, die sich zwischen diesen ergeben: ehelich und nichtehelich, leiblich und nichtleiblich, geschieden, zusammengesetzt, living apart together usw. Ich will die Spezifik der Kommunikation betonen, die eine Familie ausmacht, die eine Familie überhaupt erst zu einer Familie macht und als solche erkennbar macht. Sie ist komplexer als einfache Beschreibungen von Personen-Verhältnissen. Man sollte sowieso nicht sicher sein, dass man weiß, was man da vor sich hat, wenn man etwas als Familie bezeichnet.

These 5: Die Familie ordnet laufend Ungleichheiten.

Sie ist keine homogene Form, sondern formt sich an Unterschieden. Es fallen Ihnen bestimmt sofort einige ein: er und sie (Geschlecht); jünger und älter (Altersunterschied); wer bestimmt? (Autorität); wer ist wann anwesend und wer wann abwesend? (Präsenz); die eine Familientradition im Unterschied zur anderen (Herkunft), unterschiedliche Familienbilder usw.

Jede Familie ist ein Patchwork, ein Flickenteppich von Unterschieden, die laufend miteinander in Beziehung gesetzt werden. Das sorgt für eine hohe Dynamik. Eine Familie muss ständig die Schwierigkeiten bearbeiten, die sich aus den Ungleichheiten ergeben, die in ihr herrschen. Statt Patchwork sollte man deshalb besser das Bild des Jonglierens nehmen oder den berühmten Tanz auf dem Vulkan.

„Das ist unfair!“ Diesen Satz wiederholen unsere Kinder im Moment täglich – mit hoher Erwartbarkeit.

Die Verhältnisse werden immer bewertet. Wie die Unterschiede bearbeitet werden, ist nicht festgelegt, sondern „Verhandlungsmasse“, also selbst wiederum Konfliktpotential. Innerhalb einer Familie können gleichzeitig verschiedene Ordnungsvorstellungen gelten, die sich auch widersprechen – ausdrücklich oder unterschwellig. Kinder lernen in einer Familie vor allem mit Widersprüchen zu leben. Ich komme darauf zurück.

Hinzu kommt, dass diese Vorstellungen darüber, wie die Ungleichheiten zu ordnen seien, normalerweise mehr oder weniger gravierend von den Realitäten in einer Familie abweichen. Es ist noch lange nicht gesagt, dass eine Familie mit stark partnerschaftlicher Orientierung auch tatsächlich partnerschaftlich läuft. Dazu gibt es interessante Untersuchungen, insbesondere zur Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit im Geschlechterverhältnis.

Eine Familie kann all diese Schwierigkeiten entweder mit Respekt oder mit Gewalt bearbeiten. Das Buch Genesis in der Bibel ist voll von Geschichten dieser Art: von Adam und Eva, Kain und Abel bis zu Jakob und Esau und zu Josef und seinen Brüdern.

Die Familie ist ein Ort des Wachstums und ein Ort der Bedrängnis. Die eine Seite kann man nicht hoch genug einschätzen, die andere darf man nicht verharmlosen. Die Idylle ist immer ein Trugbild.

Wir sind heute besser informiert über die Gewalt, die in der Familie vor allem Kindern angetan wird, aber auch Frauen oder Eltern. Auch die moderne Kindzentrierung, die die Familie ganz auf die Kinder ausrichtet, – man spricht sogar von der „Sakralisierung der Kindheit“ – kommt nicht unbedingt den Kindern zu gute, sondern stellt eher die Welt der Erwachsenen in den Mittelpunkt (Man achte nur einmal auf die Geburtsanzeigen in der Zeitung!).

These 6: Die Familie basiert auf Widersprüchen.


Man sieht das sofort an der Liebe und an der Erziehung. Die Familie verpflichtet zur Liebe. Das ist das Dilemma der obligatorischen Liebe. Und in der Familie kommt es auf Grenzen an, damit sich die Kinder frei entfalten können.

Erstens: Die Familie gründet auf der Liebe. Warum sollte man sonst freiwillig und unbezahlt ein Kind wickeln oder sich Spinat ins Gesicht spucken lassen?

Dass die Liebe die Familie begründet, ist bekanntlich eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts (die auf die Romantik des 19. Jh. zurückgeht). Das Vatikanum II (Gaudium et spes) hat diese Entwicklung nachvollzogen. Heute akzeptieren wir keinen anderen Grund zu heiraten oder eine Familie zu gründen als aus Liebe (selbst in Königshäusern nicht). Wir haben Probleme mit Kulturen, in denen dies anders gehandhabt wird. Prekär wird es aber dann, wenn man die Liebe pflegen muss, wenn man etwas für sie tun muss – was sie eigentlich ausschließt, denn sie fällt einem zu. So unvorhergesehen, wie sie kommt, kann sie auch wieder gehen.

Die Familie muss ständig dafür sorgen, der Liebe eine Gelegenheit zu geben, mit Mitteln, die der Liebe widersprechen (Organisation, Professionalität, Arbeitsteilung, Terminplanung usw.). Man kann eine Familie aber nicht wie ein Unternehmen führen. Denn immer läuft die Frage mit: Liebst du mich noch? Sobald sie jedoch gestellt wird, sorgt sie für höchste Aufregung.

Zweitens (und hierzu müsste man sehr viel mehr sagen): Das andere Dilemma ist die Erziehung. Es entsteht, wenn man aus Liebe konsequent sein soll, und wenn die individuelle Selbstentfaltung durch Begrenzungen gefördert werden soll.  Dieses Dilemma verschärft sich, wenn das Erziehungsziel weniger in Gehorsam oder gutem Benehmen besteht als vielmehr in Unabhängigkeit und Individualität, freier Entfaltung und Kreativität.

Die Akzeptanz von Gewalt als Erziehungsmittel hat in Deutschland deutlich abgenommen.  Die Häufigkeit erfahrener Erziehungsmaßnahmen hat sich – nach Auskunft der Kinder und Jugendlichen – innerhalb eines Zeitraumes von 10 Jahren von „harten“ zu „weichen“ Maßnahmen verschoben: von der schallenden Ohrfeige, dem kräftigen Schlag mit dem Stock auf den Po oder der Tracht Prügel hin zum Fernsehverbot, zum Ausgehverbot oder zur Taschengeldkürzung. Maßnahmen wie „nicht mehr mit dem Kind reden“ oder „das Kind niederzubrüllen“ sind in etwa gleich häufig geblieben.

Die Unterschiede der Erziehungsziele sind im europäischen Vergleich sehr groß.  Die europäische Wertestudie unterscheidet vier Typen von Erziehungswerten: (1) Erziehung zum sozial orientierten Angepassten mit Präferenz für gutes Benehmen und Toleranz, aber auch Selbstlosigkeit, Gehorsam und festen Glauben. (2) zum sozialen Individualisten mit Verantwortungsbewusstsein und Toleranz als oberste Ziele, während harte Arbeit oder fester Glaube keine Rolle spielen. (3) zum egozentrischen Materialisten mit hohen Werten für harte Arbeit, aber auch Sparsamkeit und Selbstlosigkeit. (4) zum individualistischen Materialisten ebenfalls mit Betonung auf harter Arbeit, zugleich aber auch Unabhängigkeit. Man kann davon ausgehen, dass diese Differenzen auch innerhalb Deutschlands, das dem Typ 2 zugeordnet wird, eine Rolle spielen, dass es eine Gleichzeitigkeit von alten und neuen und von kulturell verschiedenen Erziehungsvorstellungen nicht nur in binationalen oder Migranten-Familien gibt.

Hinzu kommen die Unterschiede der Erziehungsstile. Die Pädagogik unterscheidet im Moment vier Typen:  Die erste Form, die berüchtigte autoritäre oder autokratische Erziehung geht kaum auf die Bedürfnisse der Kinder ein und stellt zugleich hohe Forderungen an sie, die konsequent sanktioniert werden. Das Gegenteil davon ist der zweite Typ, die ebenso berüchtigte antiautoritäre Erziehung. Sie stellt die Bedürfnisse des Kindes in den Mittelpunkt und fordert nahezu nichts von ihm. Man sagt dann, die Eltern seien zu nachgiebig und würden ihre Kinder verwöhnen. Davon zu unterscheiden ist die dritte Form, die leicht damit verwechselt wird: die desinteressierte Erziehung. Sie findet nur bei Formen von Vernachlässigung in besonders schweren sozialen Fällen Beachtung, die sogenannte „Verwahrlosung im Glitzerlook“ sieht man kaum. Die desinteressierte Erziehung geht weder auf die Bedürfnisse der Kinder ein, noch fordert sie sie. Der letzte Typ, die autoritative Erziehung (authoritative parenting, demokratische oder partnerschaftliche Erziehung, nicht zu verwechseln mit der autoritären) schließlich gilt als Ideal. Sie geht auf die Bedürfnisse der Kinder kindgerecht ein und stellt zugleich auch Forderungen. Es geht um eine Haltung, die durch Verhalten gelernt wird: Wertschätzung. Der 10. Kinder- und Jugendbericht stellt allerdings fest, dass „nur die Minderheit der Familien diesem ‚autoritativen’ Erziehungsmuster folgt. Viele Eltern erzögen ihre Kinder stattdessen in einem autoritär-kontrollierenden, gleichgültigen, vernachlässigenden oder inkonsistenten Stil.“ (S. 28).

Bei all dem ist zu vermuten, dass Erziehung sowieso nicht gezielt funktioniert, sondern nebenbei – in den Verhältnissen und Widersprüchen, mit denen ein Kind leben lernen muss. In der Familie geschieht außerdem viel mehr als Erziehung, und es gibt auch entscheidende Formen von Erziehung außerhalb der Familie, die sich nicht nach Familiengesichtspunkten richten, in den Kindertagesstätten, Schulen und Ausbildungseinrichtungen.

These 7: Die Familie gewinnt Stabilität aus Instabilitäten.

Eine Familie bleibt Familie, indem sie sich laufend verändert: Neben den „normalen“ Familienphasen (je nach Zählung fünf oder sechs) von der Geburt bis zur Empty-Nest-Phase ist an Veränderungen durch Berufs-, Wohnort- oder Schulwechsel, durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit zu denken, sowie an Unvorhergesehenes wie zum Beispiel unerwartete Schwangerschaft, Trennung, Scheidung oder Tod. (1) Jede Familie hat ihre eigene Zeit, ihren eigenen Verlauf, ihr eigenes Gedächtnis (Die temporalities unterscheiden sich). (2) Die Familie, die Sie heute treffen, ist morgen schon eine andere.

Wenn man die Bevölkerungsstatistik nimmt, fällt auf: die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind bis zu seinem 18. Lebensjahr mindestens eine Veränderung der Familienform erlebt durch Eheschließung oder Trennung und Scheidung, durch Partnerwechsel, Verwitwung oder Zusammenziehen, hat in den vergangenen 40 Jahren deutlich zugenommen: von 20% auf 30% der Erstgeborenen.  Die Kinder, die einen derartigen Wechsel erleben, sind dabei im Schnitt immer jünger geworden. Sie sind heute durchschnittlich deutlich unter 10 Jahren, wenn sie zum ersten Mal mit einem Wechsel der Familienform konfrontiert sind.

Aber auch diese Zahlen sagen wenig über die Veränderungen der Kommunikation, der Verhältnisse und der Ordnungsvorstellungen oder Programme innerhalb einer Familie aus. Diese können sich in einer Familie stark verändern. Wenn sie zu starr sind, kann die Familie daran zerbrechen.

Die Familie ist ein Risiko, das ihr niemand abnehmen kann.

Die achte These ist eine explizit theologische – und ich rede hier auch in erster Linie als Theologe, sozusagen als theologischer „Beobachter“ der Familie.

These 8: Die Familie ist – pastoral gesehen – in all den genannten und den vielen anderen noch nicht erwähnten Facetten unverzichtbar als ein Ort zur Unterscheidung der „Zeichen der Zeit“.

Ohne diese Unterscheidung könnte man das Evangelium nicht verstehen. Es wäre sonst nur toter Buchstabe oder ein leeres Versprechen.

Der Glaube lässt sich ja nicht weitergeben wie ein Stück Holz oder irgendwohin verpflanzen; man kann ihn auch nicht beherrschen wie eine Fertigkeit; er ist auch kein knappes Gut, um das man sich sorgen müsste. Vielmehr handelt es sich um eine Form des Verstehens, nämlich – wie es theologisch heißt – um das Hören auf das Wort Gottes in der Kontingenz der Zeit. Dieser Zusammenhang von Evangelium und historischer bzw. kultureller Kontingenz ist das Thema des Zweiten Vatikanischen Konzils; es ist das gemeinsame Thema von Dei verbum und Gaudium et spes: das Verstehen des Evangeliums in der sozialen Situation der aktuellen Zeit, des aktuellen Ortes und des aktuellen Bezugsproblems, kurz: in der Kontingenz des „konkreten Lebens“, wie es in Evangelii nuntiandi (Nr. 63) heißt.

Mit Familie ist eine dieser kontingenten – historisch und kulturell bedingten, widersprüchlichen und wechselhaften – Konstellationen bezeichnet, auf die es ankommt, wenn man heute das Evangelium verstehen will. Deshalb ist die Ehe als Sakrament ausgezeichnet. Die Liebe, sei es die erotische oder die Sorge um den Nachwuchs oder die Verwandtschaft bzw. die Eltern, ist Ort der Interpretation der Liebe Gottes.

Es geht um die Situierung des Evangeliums hier und jetzt; es geht um etwas Konstitutives; es geht nicht um Vermittlungsprobleme, sondern um die Basis des Glaubens; es geht um Situationen, auf die die Pastoral angewiesen ist: Das Verstehen des Evangeliums ist auf die konkrete Situation angewiesen. Es kann nicht davon abstrahieren und das Evangelium unabhängig davon sichern. Das, was in der einen Situation gilt, kann in einer anderen etwas anderes bedeuten. Der Sinn ändert sich mit der Realität, in der er etwas bedeutet. Das Konkrete ist komplizierter und widersprüchlicher als das Allgemeine. Was für die Familie Müller genau zutrifft, kann für die Familie Meyer völlig verkehrt sein.

Fragen

Man kann die Thesen in sieben Fragen zusammenfassen, die sich auf die Arbeit im Bereich von Familien  (in der Seelsorge, der Beratung oder der Sozialen Hilfe) beziehen:

Wie stark ist diese Arbeit auf Überraschungen eingestellt, auf Unvorhersehbares und auf Unkontrollierbares?

Inwiefern werden die eigenen Grenzen mitberücksichtigt, die Wahrscheinlichkeit des Nicht-Verstehens auf der einen wie auf der anderen Seite?

Wie wirkt sich der Kontrast von Erwartungen und Realität aus?

Wie unterscheidet sich die Arbeit, wenn sie nicht einzelne Personen, sondern eine soziale Qualität (eine spezifische Kommunikationsform) zum Ausgangspunkt nimmt?

Auf welchen Ordnungsvorstellungen (Wertpräferenzen, Gerechtigkeitsauffassungen, Familienbildern usw.) beruht sie?

Wie werden Widersprüche produktiv?

Wie kommen die Realitäten der Familie als differente und kontingente Orte der Unterscheidung der „Zeichen der Zeit“ zur Geltung?

3. Chancen einer Kooperation

Wo liegen nun auf diesem Hintergrund möglicherweise Chancen einer Kooperation zwischen Seelsorge, Sozialer Arbeit, Bildung und Beratung? Kooperation ist ja kein Selbstzweck, sondern hat einen Ausgangspunkt, eine Voraussetzung, ein Bezugsproblem. In diesem Fall besteht die Herausforderung in der komplexen, kontingenten Lage der Familie in der Zeit an diesem oder jenem Ort.

These 1: Die Kooperation kann die notwendigen Fragen aufwerfen, um das soziale Potenzial der Familie in seinen verschiedenartigen Facetten und Widersprüchen in der Gesellschaft bzw. in der Kirche wahrzunehmen.

These 2
: Die verschiedenen Zugänge und Blickwinkel der Sozialen Arbeit, der Beratung und der Seelsorge bzw. der Pfarreien können für Irritationen sorgen, die das homogene Bild von der Familie stören und auf diese Weise zu Differenzierungen und zu Horizonterweiterungen führen.

These 3
: Das eigene Involvement und die Grenzen der Intervenierbarkeit in der Arbeit mit Familien können schärfer zum Vorschein kommen.

These 4: Die Risikobereitschaft kann sich festigen und zur Entwicklung von Konzepten führen, die mit Überraschungen rechnen – sowohl kontinuierlich, als auch projektorientiert: Nicht mehr Konferenzen, sondern ein interdisziplinäres Projekt im Jahr!

These 5: Die öffentliche Kompetenz kann sich erhöhen. Vielleicht liegt darin sogar der wichtigste Effekt. Denn nur wer Bescheid weiß, hat auch etwas zu sagen, und nur wer die Situation versteht, kann sich auch einmischen. Die Familie darf nicht der Politik, der Wirtschaft oder der Pädagogik allein überlassen werden.

These 6: Die Kooperation kann helfen, die „Zeichen der Zeit“ lesen zu lernen und damit dem Evangelium in den heutigen Konstellationen, wie sie auch die Familie markiert, zu folgen, anstatt es mit scheinbar zeitlosen Prinzipien zu verwechseln. Denn alles, was wir vom Evangelium verstehen (sei es doktrinell, sei es strukturell, sei es professionell, sei es praktisch usw.), trägt die Spuren der Zeit und des kulturellen Ortes. Es unterscheidet sich von Situation zu Situation.

Schluss

Die Irritationen, die die eine oder andere These möglicherweise hervorgerufen hat, mag auch ein kleines Stück von dem erlebbar machen, was ich zu beschreiben versucht habe: Die Familie ist kein störungsfreies Zuhause. Sie sorgt für Überraschungen. Und gerade deshalb wäre es doch schade, sie zu verabschieden – zumal wir immer noch nicht genau wissen, worum es sich bei einer Familie tatsächlich handelt.