Prof. Dr. Bernhard Fresacher

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„Eros“

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In der christlichen Tradition gehört seit der Antike der Verzicht auf sexuelle Liebe zum asketischen Ideal. Was hat es mit diesem Verzicht "um des Himmelreiches willen" auf sich? Wie verhalten sich Eros und Askese zueinander? Ein paar ausgewählte Blicke in die Tradition des christlichen Mönchtums sollen Antworten geben.


Bernhard Fresacher

Salzburg 1988

Der Eros als Hauptgegenstand der radikalen Askese im christlichen Mönchtum


Einleitung


„Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“  (Mt 19,12).

Was hat es mit dem christlichen Ideal des Eunuchen „um des Himmelreiches willen“ auf sich? Es findet seinen besonderen Niederschlag in der radikalen Askese des christlichen Mönchtums.

Das christliche Mönchtum umfaßt freilich einen sehr weiten Bereich. Im Rahmen dieser Arbeit ist es unmöglich dieses fast 2000 Jahre alte Phänomen der Kirchengeschichte zu beschreiben und seine Facetten von Antonius bis Franziskus oder von Benedikt bis Charles de Foucauld zu erfassen. Deshalb hebe ich einige exemplarische Wurzeln und Züge heraus, die wohl bestimmend wären für die christliche Mönchsaskese.

Mein Anliegen ist dabei ganz und gar nicht, die erhobenen Fakten auf ihren christlichen oder unchristlichen Wert hin zu untersuchen!

Eine grundsätzliche Frage wird die folgenden Ausführungen begleiten nämlich, ob denn der Eros überhaupt Hauptgegenstand der radikalen Askese im christlichen Mönchtum ist.

Ich werde zunächst vom Begriff der Askese ausgehen. Dann soll ein Blick auf Parallelen oder Vorläufer zur christlichen Sexualaskese im antiken religionsgeschichtlichen Kontext geworfen werden. Zuletzt will ich vier wesentliche Motive für die christliche Mönchsaskese herausgreifen.

1. Der Begriff Askese


Wer heute im kirchlichen oder außerkirchlichen Raum auf das Wort Askese stößt, verbindet damit durchwegs unangenehme Gefühle. Dieses Wort ist in unserer Zeit für gewöhnlich negativ besetzt. Gedacht wird an masochistische Selbstbestrafung, an leibfeindliche Weltverachtung oder an heilsindividualistischen Leistungssport. Mystik und Meditation haben in unserer Zeit Hochkonjunktur nicht Verzicht und Opfer.

Aber woher kommt unser Wort eigentlich? Was hat es einmal bedeutet? Und welchen Weltanschauungen diente es als liebstes Vehikel?

1.1 Der griechische Ursprung

Die begriffsgeschichtlichen Wurzeln liegen in der klassischen griechischen Kultur –  askein, h? ask?sis, ho ask?t?s.  Bei Homer und Herodot bedeutet Askese technische Verfertigung oder künstlerische Bearbeitung. Der Begriff wird dann aber vor allem für die körperliche Übung und Ertüchtigung verwendet. Mit Thukydides, Xenophon und Platon seien einige Beispiele genannt. Sokrates überträgt den Begriff auf die Einübung in sittliche Bewährung als Fundament aller Tugendhaftigkeit. Bei den Sophisten bekommt ask?sis zusammen mit physis und math?sis und einen festen Platz in ihrer Erziehungslehre. In einem engeren, religiösen Sinn begegnet uns das Wort Askese bei den Pythagoreern und später vor allem bei Philo von Alexandrien. Das asketische Training dient dort der schrittweisen Lösung aus der Verhaftung an die materielle und sichtbare Welt und dem Aufstieg der Seele zur mystischen und endlich ewigen Gottesschau.

Zusammenfassend werden zwei Charakteristika des Begriffes Askese deutlich. Er bezeichnet erstens eine wiederholte und methodische Einübung. Unser Wort „Training“ kommt dieser Bedeutung wohl sehr nahe. Zweitens erfährt in ihm die Vernunft eine entscheidende Überordnung und Herrschaftsfunktion gegenüber den Affekten, dem Physischen und Natürlichen. Die Tugenden werden der Herrin Ratio zugeordnet. Askese und Theorie verbünden sich.

1.2 Die biblisch-christliche Bedeutung

Nur einmal in der gesamten Bibel stößt man auf das Wort Askese, nämlich als Paulus sich vor dem römischen Statthalter Felix in Caesarea verantworten muß. „Deshalb bemühe (ask?) auch ich mich, vor Gott und den Menschen immer ein reines Gewissen zu haben.“ (Apg 24,16) Hier begegnet man dem Wort Askese noch in seiner ursprünglichen Bedeutung. Im Lexikon für Theologie und Kirche findet sich dementsprechend folgende Definition: „In der Fachsprache der katholischen Theologie hingegen hat man sich daran gewöhnt, unter diesem Wort das Ganze der geregelten und eifrigen christlichen Lebensführung zu verstehen, die nach der christlichen Vollkommenheit strebt.“

Mit christlicher Vollkommenheit ist hier ein Ziel asketischer Bemühungen angegeben. Doch die Zielsetzungen der Askese ändern sich im Laufe der Geschichte und unter dem Einfluß verschiedener Kulturen und Gesellschaften. Die Grundbewegung allerdings bleibt gleich. Im neutestamentlichen Sprachgebrauch heißt sie kurz: metanoia (vgl. Mt 3,2; 4,17; 18,3 u.ö.). Die Entscheidung für das Reich Gottes bedeutet Verzicht: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes“ (Lk 9, 62). Die Hinwendung zu Gott schließt automatisch ein, sich von den Nicht-Göttern abzuwenden. Eros aber ist eine nichtgöttliche Naturmacht. Von ihm muß sich der Asket abwenden. Die Doppelbewegung der Askese läßt sich also auf folgende zwei Begriffe bringen: Hinkehr und Abkehr.

Karl Suso Frank liefert eine vorläufige Begriffsbestimmung für meine Ausführungen: „Askese und Mönchtum sind [...] von jeher als besondere Ausprägung christlicher Lebenshaltung gedeutet und vermerkt worden. Dabei gilt die asketische Lebensweise als freiwilliger Verzicht auf grundsätzlich erlaubte Lebenshaltungen, auf grundsätzlich berechtigte Verwirklichungen des menschlichen Daseins. Das Motiv solcher Selbstbeschränkung ist religiös; sie geschieht ‚um des Himmelreiches willen’, ‚zu Ehren des Herrn’. Ebenso ist ihr Ziel religiös: Der Verzicht trägt keinen Wert in sich, er soll zu einer höheren Form des reli¬giösen Lebens führen. Asketisches Leben schließt immer beide Aspekte ein, den des Verzichtes und den der positiven Zielsetzung.“

Bevor ein paar solcher „positiver“ Zielsetzungen dargestellt werden, ist der folgende Teil noch den religionsgeschichtlichen Parallelen zur radikalen christlichen Sexualaskese gewidmet.

2. Die außerchristlichen, jüdischen und christlichen Vorläufer der radikalen
Mönchsaskese


Wie bereits deutlich wurde, ist die Askese nicht vom Christentum erfunden worden. Die frühchristlichen Gemeinden hatten sich von Anfang an das Prinzip zueigen gemacht, das Paulus folgendermaßen aufgezeichnet hat: „Prüft alles, und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21) Zur Entstehung des Mönchtums über die ägyptische Wüsten-Anachorese oder die syro-palästinische Wanderaskese bis zur „Regula Benedicti“ gibt es bis heute vielstimmige Hypothesen.  Meine Aufgabe im Folgenden wird nicht die Darstellung einer historischen Chronologie sein , sondern es sollen lediglich einige exemplarische Linien aus dem außerchristlichen und christlichen Bereich, die sich mit der radikalen Mönchsaskese vergleichen lassen, aufgezeichnet werden, ohne daraus kausale Zusammenhänge zu entwickeln.

2.1 Die sexuelle Abstinenz in der griechischen Sportmedizin

Im zehnten Gesang von Homers Odyssee entgegnet Odysseus der lis¬tigen Kirke: „Kirke, wie kannst du begehren, daß ich dir freundlich begegne, da du meine Gefährten im Hause zu Schweinen gemacht hast und mich selber behältst und mir arglistig befiehlst, in die Kammer zu gehen und auf dein Lager zu steigen, daß du mich Waffenlosen der Tugend und Stärke beraubst? Nein! Ich werde niemals dein Lager besteigen, o Göttin!“  Der Geschlechtsverkehr beraubt den Mann seiner Stärke und Tüchtigkeit.  Denn von den Hoden durchströmt eine Kraft – dynamis – den ganzen Körper. Der Same macht den Mann warm, gelenkig, haarig, schön d.h. tiefstimmig, stolz und stark im Denken und Handeln. Der Samenverlust hingegen bewirkt das Gegenteil und erschöpft den Mann. So mußten die Athleten vor allem während des Trainings und der Wettkämpfe sexuell enthaltsam leben, um eine höhere Leistung zu erbringen. Sexuelle Abstinenz sollte aber nicht nur der körperlichen sondern auch der geistigen Ertüchtigung zugute kommen.

Paulus überträgt dieses Athletenideal auf die Nachfolge Christi. Auf diese Weise geht es auch in die frühchristliche Mönchstradition ein.  „Wißt ihr nicht, daß die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, daß ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unter¬werfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde.“ (1 Kor 9,24-27; vgl. Phil 3,12-14)

Hieronymus allerdings warnte bereits vor allzu strenger Enthaltsamkeit, von der die Mönche in ihren oft feuchten und kalten Zellen im Gehirn Schaden leiden könnten.

2.2 Die Enkratie in der hellenistischen Philosophie


Die Enthaltsamkeit oder Selbstbeherrschung – engkrateia – wird von Sokrates zur Grundlage aller Tugenden erhoben.  So kann man es zumindest bei Xenophon nachlesen. Ihr Ziel ist die Selbstkontrolle. Bei Platon und Aristoteles tritt an ihre Stelle die Besonnenheit – s?phrosyne – an den höchsten Platz eines tugendhaften Lebens. Sie wird zum Ideal der Philosophenelite, deren Vernünftigkeit über jegliche irdische Leidenschaft erhaben sein soll. Die Affektlosigkeit – ataraxia bzw. apatheia – des Stoikers nimmt diese Tradition popularphilosophisch weiter auf. Der Weise muß sich an Handlungen gewöhnen, die jede Neigung zum Vergnügen, zur Lust, oder zur Furcht unterdrücken.  Das wechselhafte Schicksal vermag ihm keine Gefühlsregung zu entlocken. Die Vernunft gebietet über alle Regungen und Leidenschaften und führt den Menschen sicher auf dem Weg der Tugenden zur Glückseligkeit. Basilius überträgt dieses Vollkommenheitsideal direkt auf den Mönch, der ja die wahre Philosophie, nämlich das Christentum, vertritt: „Frei von Affekten ist der Vater droben; ohne Affekte ist der wahre Mönch.“

In den dualistischen Systemen des Neuplatonismus und des Neupythagoreismus verschärft sich die Tendenz zur Abwertung der Erdverbundenheit des Menschen noch einmal ganz deutlich.  Die Seele muß sich dort von ihrem erdschweren und tierischen Körper lösen, um sich zur Gottesschau – theoria – zu erheben. Die Einflüsse dazu dürften auch aus dem Osten, von kultischen Reinheitsvorstellungen und von der Erfahrung des „göttlichen Gurus“ – theios an?r – kommen.

Philo von Alexandrien, der ganz in dieser hellenistisch-synkretistischen Tradition steht, preist die Genügsamkeit – oligodeia – der „Therapeuten“.  Ihr kontemplatives Leben dient dem Aufstieg der Seele zur Vereinigung mit Gott.

Die Enkratiten, eine radikal asketisch-gnostische Bewegung ab dem 2. Jahrhundert n. Chr., verlangen die Ehelosigkeit – agamia – als Taufbedingung. Die Jungfräulichkeit machte ihrer Vorstellung entsprechend schon jetzt der Auferstehung und dem neuen Äon teilhaftig.

Der Gang, den der Begriff Enkratie durch die hellenistische Weltanschauung genommen hat, macht deutlich, wie zwei Prinzipien immer mehr auseinander driften: das geistige, affektlose, göttliche Prinzip und das materielle, leidenschaftliche, irdischkörperliche Prinzip. Heil ist nur vom erkennenden Geist zu erwarten. Das Christentum als die vollkommene Philosophie garantiert mit seiner Enkratie die wahre Gottesschau.

2.3 Der Sexualrigorismus im hellenistischen Judentum


Askese ist dem alttestamentlichen und rabbinischen Judentum völlig unbekannt.  Sie läßt sich mit einer grundsätzlich positiven und ganzheitlichen Einstellung zu Körper und Welt nicht vereinbaren. Damit bedeutet auch die Sexualität keine Gefahr für den Gottsuchenden. Ihre Funktion liegt freilich in der Fruchtbarkeit, die als Zeichen der Treue und Zuwendung Gottes zum Volk aber auch zum einzelnen galt. Die Hochschätzung der erotischen Liebe zwischen Mann und Frau bezeugt eindrucksvoll das Hohelied.

Spuren einer sexuellen Tabu-Askese lassen sich ganz vereinzelt im Alten Testament finden. Sexuelle Abstinenz galt es besonders bei Theophanien und Kulthandlungen zu beobachten: „Mose stieg vom Berg zum Volk hinunter und ordnete an, das Volk solle sich heilig halten und seine Kleider waschen. Er sagte zum Volk: Haltet euch für den dritten Tag bereit! Berührt keine Frau!“ (Ex 19,14ff.; vgl. 1 Sam 21,5; Lev 15,16ff.; 21,7.13f.)

Der Prophet Jeremia lebt im Auftrag Gottes unverheiratet (vgl. Jer 16,2.8). Die Abkehr vom Gott Jahwe und die Verehrung fremder Götter wird in der prophetischen Tradition mit dem Bild des Ehebruches oder der Unzucht – porneia – bezeichnet. Denn der Bund Gottes mit seinem Volk findet eine Analogie im menschlichen Ehebund (vgl. z.B. Hos 1-3). Im hellenistischen Judentum wirkt diese bildhafte Vorstellung auf das menschliche Sexualverhalten zurück.  Götzendienst und Unzucht gilt als typisch heidnisches Verhalten. Kurt Niederwimmer meint dazu, „daß die Heimat der christlichen Sexualaskese im nachbiblischen Judentum, genauerhin: in asketischen Tendenzen ‚heterodoxer’ Gruppen des nachbiblischen Judentums zu suchen ist“ . (vg. Hebr 12,14ff.).

Die chassidische Bewegung der nachmakkabäisehen Zeit radikalisiert im Zuge der Toraverschärfung auch die Gebote kultischen und sittlichen Reinheit. Hand in Hand damit verstärkt sich die Angst vor der sexuellen Begierde. „Es ist wahrscheinlich, daß in der Zeit nach 70 n. Chr. der sexualpessimistische Trend eine Rolle gespielt hat bei der Herausbildung gnostisierender bzw. später dann ausdrücklich gnostischer Motivation innerhalb des Judentums. Die im Trieb erlebte Selbstentfremdung der Existenz wird gnostisch rationalisiert und daraus können dann [...] asketische Parolen verschiedenster Art abgeleitet werden.“

Die rabbinische Tradition bewahrte hingegen die positiv-ganzheitliche Sicht des menschlichen Körpers und seiner Sexualität.

Auch die Essener und die Qumranleute kennen die geschlechtliche Askese mit dem Zweck der kultischen Reinheit. Geschlechtsverkehr wird allerdings für Fortpflanzungszwecke gestattet.

Bei Philo von Alexandrien stößt diese jüdische Tradition der Beobachtung der sexuellen Reinheit auf das neuplatonisch-neupythagoreische Denken.

Johannes der Täufer wird in den Evangelien sehr anschaulich als Beispiel eines jüdischen Asketen dargestellt. Die Wüstenasketen machen ihn, den zweiten Elia, zu ihrem großen Vorbild. „Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung.“ (Mt 3,4; vgl. 2 Kön 1,8)

Jesus hat offensichtlich nur seine ehelose Lebensform mit dem Täufer gemeinsam, sonst steht er in krassem Gegensatz zu ihm. „Johannes ist gekommen, er ißt nicht und trinkt nicht, und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er ißt und trinkt; darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!“ (Mt 11,18f)

Das ungebrochene Verhältnis der Juden zu Körper und Sexualität, das sich in der rabbinischen Tradition weitertradiert, verändert sich mit der Zeit besonders aber durch den Einbruch griechischphilosophischer Strömungen in das Judentum. Sexuelle Enthaltsamkeit dient nunmehr der Reinerhaltung der Gottesbeziehung, die ihre reinste Form in der Ehelosigkeit findet. Asketische Elitebewegungen bilden sich aus.

2.4 Der Nachfolgeenthusiasmus im syro-palästinischen Christentum

Jungfräulichkeit und Wanderaskese waren schon sehr früh ideale christliche Lebensformen.  Eine Reihe von Namen und Titeln für Männer und Frauen, die ihr Leben diesen Idealen weihten, bilden sich:  Prophet, Prediger, Lehrer, Exorzist, Wundertäter, qaddisa (Ehemänner, die auf Geschlechtsverkehr in der Ehe verzichten), bnai qiana (enthaltsame Männer und Frauen, die in einer Art Gü¬tergemeinschaft leben und für die Liturgie zuständig sind), Syneisakten (geistliche Eheleute, die keinen Geschlechtsverkehr pflegten) und ihidaja oder monachoi (allein lebende Asketen). Zwischen diesen charismatischen Einzelgängern oder Gruppen und dem Gemeindeamt dürften kaum Beziehungen bestanden haben. Dementsprechend bildete sich eine doppelte Kirchenstruktur heraus, die im „Nebeneinander von wandernden Charismatikern und ‚seßhaften’ Christen“  bestand.

Christus, ihrem Herrn, nachzufolgen, war der brennende Wunsch der christlichen Asketen. „Das Grundproblem der palästinensischen und später syrischen Ekklesiologie wurde: Was heißt Nachfolge Jesu in nachösterlicher Zeit? Und mit dieser Frage stehen wir auch, wenn ich recht sehe, beim Ursprung der frühchristlichen Askese.“  Das Hinter-Jesus-Hergehen – akolouthein – wird aus der alttestamentlichen Weisheitstradition in einen sittlich geregelten Lebenswandel und weiter in die asketische Lebensform umgedeutet. „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mk 8,34)

Ebenso, wie sich die Asketen danach sehnten, Christus nachzuahmen, waren sie beseelt vom Streben nach Vollkommenheit.  „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Mt 5,48; vgl. Lev 19,2) Vollkommen – teleios – aber ist ein Mensch, dem nichts fehlt, der also ganz, ungeteilt und heilig ist (vgl. Jak 1,4). Basilius beschreibt seine „Bekehrung“ zum Mönchtum folgendermaßen: „Als ich beim Lesen des Evangeliums sah, daß es ein höchst bedeutsames Mittel zur Vollkommenheit sei, seine Güter zu verkaufen, [...] überhaupt in bezug auf dieses Leben sorglos zu sein und sich von jeder inneren Anhänglichkeit an dieses Dasein loszumachen, wünschte ich einen der Brüder zu finden, der diesen Lebensweg gewählt hatte, damit er mit sich auch mich über diese flüchtige Lebenswoge hinüberführe.“

Hoi s?zestai boulomenoi, wie die Mönche in Syrien auch genannt wurden, waren ganz und gar von der Frage durchdrungen: „Was muß ich tun, um das Heil zu erlangen?“  Ganz besonders trifft aber die Vollkommenheit auf das jungfräuliche Leben zu (vgl. Apk 14, 4).

Zwei wesentliche Einschnitte in der Geschichte der Frühkirche haben auch die Entwicklung der christlichen Askese beeinflußt: (1) Die Lösung vom national-jüdischen Verband, von der Synagoge. (2) Der Übergang von der Sekte zur Großkirche.  Die Frage, ob Ehelosigkeit oder sexuelle Enthaltsamkeit Taufbedingung für alle Katechumenen sei, wurde immer brennender, und sie wurde verschieden beantwortet. In den apokryphen Apostelakten galt ein Eheverbot für alle Christen.  Die Didachee und die pseudo-clementinischen Briefe gingen den Weg des Kompromisses, der sich folgendermaßen anhört: „Wenn du das ganze Joch des Herrn trägst, wirst du vollkommen sein. Wenn nicht, tu, was du kannst.“ 

Damit war der Weg zu einer Zwei-Stufen-Ethik angebahnt. Neben der religiösen Elite – Propheten, Vollkommene, Heilige – lebten die „Durchschnittschristen“ – „sesshafte“ Christen, Gerechte, Gläubige. In der Weise wehrte die großkirchliche Institution den Exklusivanspruch der radikalen Asketen ab. Das bedeutet: (1) Die Ehelosigkeit ist ideal. (2) Die Ehe ist normal, d.h. sie ist erlaubt und keine Sünde. (3) Die „Unzucht“ bleibt selbstverständlich verboten.

„Es ist [...] als die entscheidende Leistung der sich herausbildenden Großkirche anzusehen, daß sie das Junktim von Taufe und Sexualverzicht verwarf. Das war freilich nur möglich, weil gleichzeitig die radikale Askese für eine elitäre Gruppe reserviert wurde, die unter Kontrolle der kirchlichen Autoritäten gehalten werden sollte.“

Diese asketische Elite erhält damit auch die Funktion der Stellvertretung für die normalen Gläubigen. Ihr Dienst besteht darin, die Heiligkeit der katholischen Kirche zu garantieren und zeichenhaft darzustellen. Und bald werden sie auch den Märtyrern gleichgestellt.  Wie die Märtyrer den Verfolgungen bis zu ihrem Blutzeugnis standhielten, so kämpfen die Asketen täglich gegen die Versuchungen durch Dämonen und Begierden („martyrium cotidianum“). Dem Martyrertod entspricht die permanente Abtötung. Ähnlich wie die Bluttaufe der Märtyrer als zweite Taufe bezeichnet wurde, gilt die Entscheidung zum asketischen Leben als Taufe, die Reinigung und Sühne bewirkt. „Die ehelos lebenden Jungfrauen, Asketen und Mönche bildeten einen eigenen Stand, eine Elite. Als Nachfolger der Märtyrer sollten sie einst im Himmel den höchsten Lohn empfangen.“  Die Zelle ist also Symbol für die Gefängniszelle, Ort der Vorbereitung auf das Martyrium.

Das Elitebewußtsein der Asketen wurde von kirchenamtlichen Stellen in doppelter Hinsicht beschnitten: (1) Die asketische Begabung ist Gnadengeschenk Gottes. „Wer im Fleisch keusch ist – agnos en t? sarki –, soll sich nicht rühmen, vielmehr aber wissen, daß es ein anderer ist, der ihm die Enthaltsamkeit – engkrateia – zusichert.“  (2) Der asketische Charismatiker ist dem Bischof d.h. der kirchlichen Institution unterstellt. „Wer sich rühmt, ist verloren; wenn er sich für etwas Besseres als den Bischof hält, ist er dem Verderben verfallen.“

Parallel zur Kanonbildung der Hl. Schrift entwickelt sich also im frühen Christentum ein Kanon christlicher Lebensvollzüge im Zueinander von charismatischem Leben und Institution. Dabei stammt die asketische Lebensform nicht genuin aus biblisch-christlichem Gedankengut, sondern wird rezeptiv in das kirchliche Leben integriert. Im Weiteren bildet sich eine spirituelle und asketische Elite. Sie wird zur Quelle des Mönchtums.

Auch der christlichen Askese ist eine doppelte Grundbewegung eigen. (1) Hinkehr: Nachfolge Christi; Streben nach Vollkommenheit. (2) Abkehr: Absage an die Welt; Auszug aus den gewöhnlichen Lebensformen.

Eusebius schreibt: „Auch für die Kirche Christi sind zwei Lebensnormen festgesetzt worden. Die eine führt über die Natur hinaus, hat nichts zu tun mit der gewohnten und normalen Lebensweise. Sie gestattet die Ehe nicht, noch das Zeugen von Kindern. Den Erwerb von Eigentum duldet sie nicht. Sie verwandelt die Lebensgewohnheiten der Menschen von Grund auf und macht, daß sie, von himmlischer Liebe angespornt, nur noch Gott dienen. Diejenigen, die sich zu dieser Art Leben bekehrt haben, sind für die hergebrachte Lebensweise wie abgestorben und leben nur noch mit dem Körper auf der Erde, da ihre Seele auf geheimnisvolle Weise schon in den Himmel eingegangen ist. Sie sind zum Wohle des ganzen menschlichen Geschlechts der Gottheit, die über allem steht, geweiht; und als Bewohner des Himmels achten sie im täglichen Leben der Menschen die Opfer von Stieren oder von Blut, von Wein oder von Aromaten für nichts und halten sich dafür an gesunde Lehren, wahre Frömmigkeit, Reinheit der Seele, gute Worte und Taten. Indem sie dadurch die Gottheit günstig stimmen, erfüllen sie eine priesterliche Aufgabe zu ihrem Wohl und zum Wohl der anderen. Dies ist die Norm des vollkommenen christlichen Lebens. Doch gibt es ein anderes Leben, das die Rechte und Pflichten des staatlichen und sozialen Lebens des Menschengeschlechts nicht verwirft. Heiraten, Kinder zeugen, seinem Beruf nachgehen, sich den Gesetzen des Staates unterwerfen und in jeder Hinsicht die Aufgaben des normalen Bürgers erfüllen, sind Äußerungen des Lebens, die sich mit dem christlichen Glauben völlig vereinbaren lassen, wenn sie an den Vorsatz gebunden sind, die Frömmigkeit und die Hingabe an den Herrn zu bewahren. Der Christ akzeptiert als durchaus empfehlenswert auch diese zweite Lebensweise, weshalb keine Menschenklasse und kein Volk die große Wohltat der Botschaft Christi entbehren muß.

In diesem Text klingen noch weitere Motive für die christliche Askese an. Um sie wird es im folgenden Teil gehen.

3. Die Motivstränge der „christlichen“ Mönchsaskese


Mit dem Versuch, einige wesentliche und exemplarische Motive für die mönchische Sexualaskese herauszuarbeiten, erhebe ich nicht den Anspruch, die Mönchsbewegung bis in ihre kleinsten Fasern zu erfassen. Motive bestehen ja immer aus unbewußten und bewußten bzw. emotionalen und kognitiven Anteilen. Emotionale Motive, wie z.B. Tabu-Ängste oder Zukunftshoffnungen , lassen sich nur schwer aus dem Dunkel der Geschichte und der Person des Asketen und der Asketin ans Licht unserer Tage bringen. Deshalb muß ich weitgehend auf reflektierte Motivstränge zurückgreifen.

Gefährlich ist eine monokausale Erklärung dieses Phänomens, das von Anfang an zum Wesen des Christentums gehörte. Ein diffuses Bündel von ineinander verwobenen Motiven bewegte Männer und Frauen der ersten Zeit zum asketischen Exodus. Der Klarheit wegen muß ich versuchen, einzelne Motivfäden zu entflechten, sine fundamento in re, ohne Grundlage in der Praxis der Jungfrauen und Mönche.

Der Auszug der Asketen und Asketinnen wird letztlich nur verständlich aus der Betroffenheit in ihrer Gotteserfahrung, die sie „verwundet vom Liebespfeil des Erlösers“  zu einem ganz anderen und neuen Leben bewegte. Von da an ging es nur mehr noch darum, Gott vollkommen teilhaftig zu werden.

Wer vermag zu beurteilen, was daran christlich oder nicht-christlich ist?

3.1 Das eschatologische Motiv

3.1.1 Die Parusie-Erwartung


„Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute irdischen Nöten nicht entgehen; ich aber möchte sie euch ersparen. Denn ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ (1 Kor 7,28-31)

Angesichts der nahen Wiederkunft des Herrn und der Ankunft des Reiches Gottes wird es sinnlos, noch zu heiraten. Aus dieser Naherwartung kommt der eschatologische Radikalismus der Wanderasketen, der sich verbindet mit der totalen Relativierung oder der weltpessimistischen Abwertung aller irdischen Lebensvollzüge. „Dem anfänglichen eschatologischen Enthusiasmus liegt die Annahme nahe, daß innerhalb der seit der Taufe gewonnenen neuen Existenz die sexuelle Gemeinschaft sinnlos oder mindestens fragwürdig geworden ist.“

Mit dem deutlichen Ausbleiben der Parusie tritt ein anderer biblischer Gedanke in das asketische Blickfeld.

3.1.2 Das „engelgleiche Leben“


„Da sagte Jesus zu ihnen: Nur in dieser Welt heiraten die Menschen. Die aber, die Gott für würdig hält, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, werden dann nicht mehr heiraten. Sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind.“ (Lk 20,34ff.)

Angelikos bios
wird synonym gebraucht für die jungfräuliche Lebensform. Wer ehelos lebt, ist nicht mehr dem vergänglichen Diesseits verhaftet, sondern hat bereits teil am himmlischen Vollendungszustand.  Die Erlösung bedeutet Ehelosigkeit und überhaupt Überwindung der geschlechtlichen Differenzen. Im gnostischen Thomasevangelium liest sich das folgendermaßen: „Seine Jünger sprachen: An welchem Tag wirst du dich uns offenbaren, und an welchem Tag werden wir dich sehen? Jesus sprach: Wenn ihr eure Scham auszieht und eure Kleider nehmt und sie unter eure Füße legt, wie die kleinen Kinder, und ihr auf sie tretet; dann (werdet) ihr den Sohn des Lebendigen (sehen), und ihr werdet keine Furcht haben.“

„Wenn ihr die zwei zu einem macht, und wenn ihr die Innenseite wie die Außenseite macht und die Außenseite wie die Innenseite und die Oberseite wie die Unterseite, und daß ihr den Mann und die Frau zu einem einzigen machen werdet, damit der Mann nicht Mann sei und die Frau nicht Frau [...] dann werdet ihr (ins Königreich) eingehen.“

Eschatologische Vollendung tritt mit der Aufhebung der Gegensätze von Mann und Frau und mit der Befreiung aus dem Entfremdungszustand, der in der Scham erlebt wird, ein.

Die Geschichte ist beängstigend. Sie besteht aus einem ewigen Kreislauf von Zeugung, Geburt und Tod. Der Eros ist ihre treibende und unbewußte Kraft. Er läßt die Geschichte nie zum Stillstand kommen. Sexuelle Enthaltsamkeit bedeutet Ausstieg aus dem unentwegten „Immer-wieder-das-Selbe“ und damit Anfang des ewigen Reiches Gottes.

In den pseudo-clementinischen Briefen wird das Reich Gottes radikal jenseitig gedacht. Das ehelose Leben einer Elite nimmt dort nur zeichenhaft den Vollendungszustand vorweg.

Die apokryphen Apostelakte hingegen erwarten vom Verzicht auf den Geschlechtsverkehr und vom Kampf gegen die sexuelle Begierde die Rettung der Welt.  Deshalb schließt dort die Taufe den Verzicht auf die Ehe mit ein.

Inbegriff der Konkupiszenz und des Kreislaufes von Zeugung, Geburt und Tod ist die Frau.  Sie bestimmt die gegenwärtige Welt. In einem Fragment des Ägypterevangeliums erklärt deshalb Jesus: Ich bin gekommen, „die Werke des Weiblichen aufzulösen“ . Diese Vorstellung führt konsequent zu folgender Regel: „Die Virginität (Jungfräulichkeit) der Frau ist Gold; die Enthaltsamkeit des Mannes ist Silber.“ 

Der ehelose Asket lebt in der Fremde  und sehnt sich nur nach seiner himmlischen Heimat, wo der zermürbende Kreislauf von Leben und Tod zur Ruhe kommt und alle Gegensätze aufgehoben werden. Seine Zelle ist ihm Herberge in dieser fremden Welt und selige Insel in der Brandung der Geschichte und der Begierde.

Der Eros wird im Gegeneinander von vergänglicher Zeit und Ewigkeit als vergängliche, chaotische, unsichere und leidenschaftliche Macht abgewertet. Nur das ewig Eine zählt.

3.2 Das christologische Motiv

3. 2.1 Die Ausschließlichkeit des Gottesverhältnisses


„Niemand kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 6,24) Die Gottesbeziehung verlangt eine „Entweder-oder-Entscheidung“: entweder Gott oder Geld, entweder Gott oder Macht, entweder Gott oder Eros. Die Beziehung zu Menschen, vor allem die erotische, stört den Gottesdienst, das Gebet, die Liturgie usw.

„Ich wünschte aber, ihr wäret ohne Sorgen. Der Unverheiratete sorgt sich um die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt. Die unverheiratete Frau aber und die Jungfrau sorgen sich um die Sache des Herrn, um heilig zu sein an Leib und Geist. Die Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; sie will ihrem Mann gefallen. Das sage ich zu eurem Nutzen: nicht um euch eine Fessel anzulegen, vielmehr, damit ihr in rechter Weise und ungestört immer dem Herrn dienen könnt.“ (1 Kor 7,32-35)

Die Jungfräulichkeit verleiht größere Nähe zu Gott, da das Herz ungeteilt ist. Die sexuelle Beziehung zu einem Menschen hindert am Gottesdienst. Menschenliebe und Gottesliebe schließen sich gegenseitig aus.

„Die Ehelosigkeit wird [...] nahegelegt als jene Form christlicher Existenz, in der sich der totale Gehorsam gegenüber dem Kyrios besser verwirklichen läßt. Wer dem Kyrios gehört [...] soll ihm ganz gehören, wer ihm gehört, kann nicht einem anderen ‚auch’ gehören. In diesem Sinn ist die ehelose Existenz die jenige, in der sich die neu gewonnene Freiheit besser verwirklicht.“  Der Eros stört Gebet und Kult. Darin liegt ein Grund, warum sich später Priesteramt und Zölibat institutionell verbinden.

3.2.2 Die „Brautschaft“

„Keiner hat je seinen eigenen Leib gehaßt, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche. Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei wer¬den ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.“ (Eph 5,29-32; vgl. Gen 2,24) „... ich habe euch einem einzigen Mann verlobt, um euch als reine Jungfrauen zu Christus zu führen.“ (2 Kor 11,2)

Die Analogie der Ehe zwischen Christus und der Kirche  hat Parallelen zum einen in der alttestamentlichen Bundesidee und zum anderen im mythologisch-hellenistischen Gedanken der „heiligen Hochzeit“ – hieros gamos. Die Bundestreue des alttestamentlichen Volkes wurde mit dem Bild der Jungfräulichkeit gedeutet. Ziel war die Reinerhaltung des Eheverhältnisses zwischen Gott und seinem Volk. Die Aufkündigung der Bundestreue, d.h. der Abfall von Gott und die Hinwendung zu Götzen, war dann gleichbedeutend mit Ehebruch oder Unzucht.

Philo von Alexandrien greift die mythische Idee der „heiligen Hochzeit“ auf und bezieht sie auf die Vereinigung der Gottheit bzw. des Logos mit der göttlichen Weisheit, aber auch auf die Beziehung Gottes zur menschlichen Seele.

Besonders die apokalyptische Literatur nimmt sich dieser Motive an. In der neutestamentlichen Apokalypse wird das Bild der Hochzeit zwischen dem neuen Jerusalem und seinem Herrn oder zwischen dem Lamm und seiner Frau gemalt:

„Wir wollen uns freuen und jubeln
und ihm die Ehre erweisen.
Denn gekommen ist die Hochzeit des Lammes,
und seine Frau hat sich bereit gemacht.“ (Apk 19,7; vgl. 21,2)

In der gnostischen Literatur ereignet sich die Erlösung durch die endgültige Syzygie zwischen Kyrios und Sophia, d.h. durch die Wiederversöhnung der verlorengegangenen Lichtteile mit dem Lichtgott im endzeitlichen Hochzeitsmahl. „Das Erotische ist umgedeutet ins Gnostische. Vereinigung ist Wiederherstellung der ursprünglichen Einheit des Selbst.“

Um das Bild der Ehe zwischen dem Kyrios und seiner Braut, der Kirche, richtig zu verstehen, muß ein kurzer Blick auf Funktion und Rolle der Eheleute im antiken Staat und im christlichen Kontext geworfen werden.

Die Institution der Ehe hatte vor allem die wichtige gesellschaftliche Aufgabe, die Nachkommenschaft von römischen Staatsbürgern zu sichern. Sie diente also in erster Linie der Zeugung von Kindern. Zum Vergnügen im geistigen und sexuellen Sinn gab es die Hetären.

Im christlichen Kontext der Monogynie erfüllte die Ehe noch einen zweiten Zweck. Sie diente der Löschung der Begierde – remedium concupiscentiae.  Der Codex Juris Canonici (1917) bietet dazu eine gute und knappe Zusammenfassung: „Matrimonium finis Primarius est procreatio atque educatio prolis: secundarius mutuum adiutorium et remedium concupiscentiae.“ (can. 1013 §1).

Die Rollen der Eheleute in der antiken christlichen Welt beschreibt eindrücklich der Autor des Epheserbriefes: „Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter wie dem Herrn (Christus); denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib. Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen. Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos.“ (Eph 5,22-27)

Das aus der antiken patriarchalen Gesellschaft entlehnte Bild der Ehe zwischen Christus, dem Haupt, und der Kirche, seinem Leib, dient seinerseits der christologischen Rechtfertigung der Überordnung des Mannes über die Frau.  Einziger emanzipatorischer Ausweg für Frauen ist dementsprechend der Verzicht auf die Ehe, die Jungfräulichkeit. Aber bleiben wir bei der religiösen Begründung der ehelosen Lebensform.

Das Bild der Brautschaft, das zuerst nur für die Beziehung Christi zu seiner Kirche verwendet wird, erfährt bald eine Übertragung auf das Verhältnis zwischen Christus und der Seele, die ja Glied des „Leibes Christi“ ist. Eine erste Blüte erlebt diese Tradition in der Brautmystik des Origenes.

Drei Konsequenzen ergeben sich aus dieser Syzygievorstellung: (1) die Jungfräulichkeit, denn „das Fleisch, das mit Christus vermählt ist, muß für ihn rein gehalten werden“; (2) die Ehe als Realsymbol, denn „die Ehe unter Christen hat sich als Antitypus zu dem Urbild der heiligen Brautschaft zwischen Christus und der Kirche zu verstehen“; (3) die geistliche Ehe, denn Christus geht eine unerotische, heilige Beziehung zu seiner Kirche ein, „also ist es die Aufgabe der Christen, in ihrem Lebensvollzug diese spirituelle Gemeinschaft nachzubilden.“

Die Mönchszelle symbolisiert quasi das Ehegemach, wo die jungfräuliche Seele mit ihrem geliebten Herrn alleine sein kann. Die Beziehung Gottes zur Kirche und zu ihren Gliedern ist unerotisch. Sie relativiert jede menschliche erotische Gemeinschaft bzw. schließt sie ganz aus. Der Eros wird im Gegeneinander von menschlich und göttlich zur trennenden Macht zwischen Gott und der Seele. Eine Nebenfolge der Askese zum Zweck der Reinerhaltung des Gottesverhältnisses ist bereits im Frühchristentum die erotische Mystik.

3.3 Das Heiligkeitsmotiv

3.3.1 Geschlechtsverkehr befleckt


„Und ich sah: Das Lamm stand auf dem Berg Zion, und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters. Sie sind es, die sich nicht mit Weibern befleckt haben; denn sie sind jungfräulich. Sie folgen dem Lamm, wohin es geht. Sie allein unter allen Menschen sind freigekauft als Erstlingsgabe für Gott und das Lamm. Denn in ihrem Mund fand sich keinerlei Lüge. Sie sind ohne Makel.“ (Apk 14,1.4f.)

Spuren, die auf die Verbindung von sexueller Reinheit und Reinheit der Gottesbeziehung hindeuten, sind im Judentum – archaische Tabu-Askese, Untreue zu Gott = Ehebruch, Toraverschärfung und Angst vor sexueller Begierde in der chassidischen Bewegung u.a. –, besonders aber im hellenistischen Raum zu finde.  Die Erfahrungen, die sich hinter der Gleichung: Sexualität = Schmutz, verbergen, sind kaum mehr greifbar und nur vage zu erahnen. In der Psychologie könnten darüber Vermutungen angestellt werden.

Einiges vermag auch die Beschreibung der Bundestreue Gottes zu seinem Volk und zum einzelnen Frommen im Judentum als Eheverhältnis zu erklären. Im apokalyptischen Sexualpessimismus wird die Jungfräulichkeit zur reinsten Gottesbeziehung erhoben. Das Bild der Ehe verläßt die Ebene der Analogie.

Durch den gnostisch-neuplatonischen Einfluß wird die Gleichsetzung von Sexualität bzw. Begierde und Unreinheit noch schärfer eingeprägt. Geschlechtlichkeit bringt die Materieverhaftung des Menschen zum Ausdruck. Die Materie, die ganz und gar durchwaltet ist von erotischer Begierlichkeit (Gnosis), macht die Seele schmutzig.

3.3.2 Das makellose Opfer

„Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.“ (Lev 19,2)

Heiligkeit im Alten Testament oder Vollkommenheit im Neuen Tes¬tament (z.B. Mt 6,48) wird jemandem zugeschrieben, der sich makellos – amh?mos – verhält.  In Apk 14,5 begegnete uns bereits die Gleichsetzung von Makellosigkeit und Jungfräulichkeit – partheneia. Das vollendete Leben ist das der sexuellen Enthaltsamkeit. Damit werden „Nachfolge, partheneia und Vollkommenheit eng miteinander verbunden“ .

Die Entscheidung zum jungfräulichen Leben galt analog zum Martyrertod als zweite Taufe.  Genauso wie die Taufe hat auch diese Entscheidung reinigende Wirkung. Sie wäscht vom Schmutz der Sünden und Begierden rein. Das Opfer der jungfräulichen Asketen und Asketinnen wirkt stellvertretend für die anderen Gläubigen. Der heilige Lebenswandel dieser Frauen und Männer repräsentiert die Heiligkeit der katholischen Kirche und vermag in ganz besonderer Weise Gott günstig zu stimmen.

Es besteht auch eine Verbindung zwischen Taufe, Heiligkeit und sexueller Reinheit. „Der Aufruf, die in der Taufe erlangte Heiligkeit, das neue Sein in Christus, zu bewahren, kann auch als Forderung erscheinen, das Fleisch vor Befleckung rein zu halten.“

„Strebt voll Eifer nach Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird. Seht zu, daß niemand die Gnade Gottes verscherzt, daß keine bittere Wurzel wächst und Schaden stiftet und durch sie alle vergiftet werden, daß keiner unzüchtig ist oder gottlos – pornos h? beb?los – wie Esau, der für eine einzige Mahlzeit sein Erstgeburtsrecht verkaufte.“ (Hebr 12,14ff.)
Das Streben nach sexueller „Reinheit“ hat mit Angst zu tun, Angst, ein Tabu zu übertreten oder die Gunst und Nähe Gottes, die Heiligkeit, zu verlieren. In der Zelle des Asketen vollzieht sich gleichsam die Reinigung vom Schmutz der sündigen Begierde. Denn der Eros befleckt die Seele und macht kultunfähig.

3.4 Das anthropologische Motiv

3.4.1 Die dualistische Weltverachtung


Die sexuelle Lust zieht den Menschen zur Erde hinunter. Die Seele muß dagegen protestieren und sich von der widergöttlichen Materie lösen. Der Dualismus von irdischer und göttlicher Wirklichkeit begegnet uns in zwei Formen; in der Gnosis und im Neuplatonismus.

(1) Die Gnosis

Die gnostischen Bewegungen innerhalb und außerhalb der frühchristlichen Gemeinden haben sich in vielfältige Richtungen und Lebensformen entfaltet. Gemeinsam ist allen eine grundsätzliche Einstellung zur Welt, die sich kurz in drei Punkten darstellen läßt:

1.    Die Schöpfung ist ein Unfall. Ein böser Demiurg hat die Welt aus erotischer Leidenschaft – enthym?sis – geschaffen. Deshalb ist die Welt voll von Konkupiszenz. „Das Weltall, das für die Griechen immer ein lebenerfülltes Wesen, gelenkt von einer Höchsten Vernunft, gewesen war, ist in Wirklichkeit etwas Unbewußtes, etwas Arationales, derselben Begierde unterworfen, die die Rationalität der menschlichen Person überwältigt hat.“

2.    Die Welt ist das Exil der Seele. Die Heimat des menschlichen Geistes liegt außerhalb dieses von der Begierde beherrschten Daseins. Der Gnostiker sehnt sich nach der Wiedervereinigung mit der Geist-Gottheit. „Der gnostische Mensch ist der Mensch, der unter dem Leben leidet, der den Optimismus verloren hat und in dem der Pessimismus eine besondere Note annimmt.“

3.    Die Seele ist eine rein geistige Größe, überpersonal und überweltlich. Sie protestiert gegen ihre Verhaftung an die leidenschaftliche Materie. Erkenntnis – gn?sis – erlöst. „Das Ziel muß also die Erweckung des Bewußtseins sein, und das ist die Aufgabe der gnostischen Lehre. Die Gnosis will die Rettung der Vernunft durch die Vernunft sein.“

Aus solcher Weltverneinung resultieren zwei ganz verschiedene Lebenshaltungen. Beide begegnen Paulus in der Gemeinde von Korinth (vgl. 1 Kor 6-7): der sexuelle Libertinismus und die sexuelle Abstinenz.

Im sexuellen Libertinismus ist der Pneumatiker, der vergeistigte Mensch, nicht mehr an das Fleisch gebunden. Er kann von ihm nicht befleckt werden. Denn „für den Wissenden sind die Verbote [...] aufgelöst“ .
Die sexuelle Abstinenz hingegen nimmt den Kampf gegen die Konkupiszenz auf, die vom bösen Archon stammt. „Der Wissende hütet sich, so gut er kann, vor den tabuierten Substanzen, die ein Gemächte des sich selbst unbewußten Schöpfers sind.“  Die Sekte Marcions und die Enkratiten  entwickeln daraus die extremsten ehefeindlichen Positionen.

Zwei gnostische Theorien greife ich im Folgenden gesondert heraus: aus den pseudo-clementinischen Briefen und aus dem Manichäismus:

1.    Die pseudo-clementinischen Homilien:  „Der Mann (das männliche Prinzip) ist ganz Wahrheit, die Frau (das weibliche Prinzip) ganz Irrtum.“  Von Eva, dem weiblichen Prinzip oder dem „roten Samen“, kommen die drei Hauptlaster:

  • die Begierlichkeit: h? epithymia

  • der Zorn: h? org?
  • die Traurigkeit: h? lyp?

Von Adam hingegen, dem männlichen Prinzip oder dem „weißen Samen“, stammen die drei Gaben:

  • der Gedanke: ho logismos

  • die Erkenntnis: h? gn?sis

  • die Gottesfurcht: ho phobos

Den Körper und mit ihm die drei Laster empfängt das Kind von der Frau, den Geist aber und die drei Gaben vom Mann.

„Die gegenwärtige Welt ist von der Frau determiniert, von der Konkupiszenz und der Geburt.“  Die Erlösung von der weiblichen Begierde, die dem Kind vererbt wird, kann nur vom weißen Samen des Mannes, bzw. von der Lehre des wahren Propheten erwartet werden. In der Wiedergeburt der Taufe wird die Geburt überwunden. Aber erst „im physischen Tod des Getauften, in dem sich die Seele des Menschen zum Himmel emporhebt und in die künftige Region des Gottesreiches eingeht, liegt die letzte Lösung dieses inneren Konfliktes“  zwischen rotem und weißem Samen.

2.    Der Manichäismus:  Die Lehre Manis (216-274/77 n. Chr.) ist radikal dualistisch. Zwei Prinzipien, Geist und Materie, Gutes und Böses, Licht und Finsternis, sind in der Welt und im Menschen heillos vermischt. „Nach Mani ist die Welt von Leichen und Exkrementen der Dämonen geschaffen worden, die Erde ist verseucht von Pestilenz, voll Rauch und Feuer, voll Finsternis, bewohnt von dummen Ungeheuern, die Materie ist eine ungeordnete Bewegung, bestimmt zu ihrer Selbstzerstörung.“

Erlösung geschieht durch das Selbstbewußtwerden – gn?sis – der Seele, endgültig aber erst in der Scheidung der beiden Naturen d.h. bei der Lösung vom Fleisch und von der materiellen Be¬fleckung nach dem Tod.

Origenes kastrierte sich selbst, weil er Mt 19,12 auf diesem Hintergrund las.  Er selbst betrachtete seine Selbstverstümmelung später als gravierende Fehlentscheidung.

Daß der Eros zur Erde hinunterzieht, liegt also daran, daß in ihm die böse, dämonische Konkupiszenz als Ursache und bleibende Kraft eines kosmischen Unfalls, nämlich der Welt, wirkt und da¬durch die gnostische Erlösung verhindern will. Gegen diesen Eros muß die Seele protestieren, um gerettet zu werden.

(2) Der Neuplatonismus

Plotin errötete darüber, einen Körper zu haben. Das berichtet zumindest Porphyrius. Von der platonischen Ideenlehre, in der die Sehnsucht nach dem Bleibenden im Wandel und nach dem Einen im Vielen zum Ausdruck kommt, stammt die wirkungsgeschichtlich so bedeutsame Vorstellung, daß der Körper – s?ma – das Gefängnis oder das Grab – s?ma – der Seele sei. Die Seele muß sich also aus der körperlichen Umklammerung befreien, um das Heil zu erlangen. Im Neuplatonismus entspricht dann der Vorstellung von der Emanation der Gottheit in die Welt die Lehre vom schrittweisen Aufstieg der Seele zur ewigen Gottesschau.

Auch dazu greife ich zwei neuplatonisch beeinflußte Denker heraus: Philo von Alexandrien und Euagrios Ponticos.

1.    Philo von Alexandrien (13 v. Chr. bis 45/50 n. Chr.):  Seine Lehre vom Aufstieg der Seele zu Gott stellt radikale asketische Forderungen. Aus der sophistischen Pädagogik entlehnt er drei wesentliche Funktionen und ordnet sie den drei alttestamentlichen Patriarchen zu:

  • die angeborenen Fähigkeiten (physis) – Abraham;

  • die theoretische Unterweisung (math?sis) – Isaak;

  • die praktische Ertüchtigung (ask?sis) – Jakob.


Jakob, der Gottesstreiter (vgl. Gen 32,23-33), ist für Philo der Archetyp des asketischen Kämpfers, der zur Gottesschau gelangte. Die Askese ist also „notwendige Voraussetzung für den Aufstieg zu einer Kontemplation, indem sich der Mensch schrittweise aus den Niederungen seiner Verhaftungen an die materiellen und sichtbaren Dinge löst und für eine Begegnung mit der Gottheit öffnet.“

2.    Euagrios Ponticos (346 bis 399 n. Chr.):  Er vertrat die Idee der „doppelten Schöpfung“. In der eigentlichen Schöpfung entstanden die reinen Geister als unsichtbare Wesen, deren Tätigkeit sich in der Erkenntnis Gottes erschöpft. Doch einige Geister versagten. Infolge dieses ersten "Sündenfalles" wurde die sichtbare, materielle Welt in ihrer körperlich-sinnlichen Ausprägung als Zeichen ihrer Verderbnis geschaffen. Der Mensch lebt deshalb im Exil. Erlösung heißt Rückkehr zum Urzustand. Dieses Ziel wird durch Askese erreicht.

„Askese mußte dementsprechend als Einübung auf dieses Ziel, konkret als Absage an die Welt, als Befreiung von sinnlichirdischen Wünschen, vom Leib – von dieser ,Erdenschwere’, verstanden und geübt werden.“

Mit der Erhebung des Geistes zum guten Ur- und Erlösungsprinzip werden Materie und menschlicher Körper samt Sexualität als geistwidrig abgewertet. Erlösung kann nur durch die Befreiung aus dem Körper geschehen. Sie wird durch radikale Askese eingeübt.

3.4.2 Die Kanonisierung des gnostisch-neuplatonischen Dualismus durch die Erbsündenlehre Augustins

„Da, als der Mensch zum erstenmal Gottes Gebot übertreten hatte [...], begann er ein fremdes Gesetz in seinen Gliedern zu haben, das sich gegen seinen Geist auflehnte, und er verspürte, fühlte das Böse seines Ungehorsams gegen Gott, als er fand, daß ihm – völlig zu Recht [Talionsrecht, BF] mit dem Ungehorsam seines Fleisches vergolten worden war. Ungerecht nämlich wäre es, wenn der Sklave [der Körper, BF] dem Menschen gehorchte, wo dieser doch seinem Herrn [Gott, BF] nicht gehorchte. [...] Wenn es aber nun zur Zeugung von Söhnen kommt, dann dienen die Glieder, die zu diesem Zweck geschaffen sind, dem Befehl des Willens nicht, sondern es wird darauf gewartet, daß die libido sie gleichsam aus eigener freier Verfügungsgewalt bewege; und bisweilen tut sie es nicht, obschon der Geist es will, bisweilen hingegen tut sie es, auch wenn der Geist nicht will.“

Die sexuelle Begierde gilt als Folge der Erbsünde. Deshalb ist sie schlecht. Die Sünde bestand im Ungehorsam gegenüber Gott. Folglich ist auch der Körper dem Geist ungehorsam. Der Eros läßt sich vom menschlichen Geist und Willen nicht leicht beherrschen. Er verbindet den Menschen mit dem Tier. In der Entgrenzungserfahrung beim Geschlechtsverkehr wird die eigene Identität bedroht. Aus persönlichen Erfahrungen, der Tradition der weltpessimistischen Askese und der Auslegungsgeschichte der „Sündenfallgeschichte“ deutet Augustinus den Text in Gen 3. Damit begründet er seine Erbsündenlehre.

Der Mensch muß vor der von der Erbsünde geprägten Welt bewahrt werden. Die Ehe und der Geschlechtsverkehr zu Zeugungszwecken sind zwar gut, aber die damit verbundene Lust ist schlecht. „Wenngleich die Lehre von der Sündhaftigkeit der Geschlechtslust und damit auch des ehelichen Aktes schon im 12. Jahrhundert bei Abaelard, dann aber auch im Hochmittelalter im Prinzip bereits theologisch überwunden wurde, so blieben doch noch Jahrhunderte hindurch entsprechende gefühlsmäßig negative Wertungen mehr oder weniger beibehalten – so etwa, wenn in den landläufigen Beichtspiegeln die Fragen zum 6. Gebot mit der Formulierung beginnen: ‚Hast du mit Wohlgefallen …’ – als ob die Sünde in der Lust oder im Wohlgefallen bestände!“

Augustins Ideen können ihre Vertrautheit mit dem Manichäismus und dem Neuplatonismus etwa des Euagrios Ponticos nur schwerlich verbergen. An die Stelle eines radikalen Dualismus tritt die Unterscheidung zwischen erbsündiger Natur und reiner Übernatur. Die Konsequenzen sind praktisch dieselben. Ein asketisches Leben besonders im sexuellen Bereich dient der Erlangung bzw. Bewahrung des in der Taufe erworbenen Heils. Der Mönchsstand verwirklicht in vollkommener Weise dieses neue Leben, das freilich im christlichen Sinn nur Geschenk Gottes sein kann.

Die Zelle des Asketen oder der Asketin ist unter dieser Perspektive gleichsam der geeignete Ort, an dem die Befreiung der Seele von der Erdenschwere oder von der sündigen Konkupiszenz eingeübt wird. Der Mönch muß gegen den Eros protestieren, der ja Folge und Ausdruck eines bösen Prinzips bzw. des Sündenfalles ist. So wird der Eros im Gegenüber von Schöpfungs- und Erlösungsordnung oder anders ausgedrückt von Natur und Gnade als natürlich und sogar sündhaft abgewertet.

Schluss

Ist also der Eros Hauptgegenstand der radikalen Askese im christlichen Mönchtum? Diese Frage steht am Ende noch einmal vor uns. Werfen wir dazu wieder einen Blick auf die Grundbewegung der christlichen Askese!

Jungfrauen und Eunuchen, Asketinnen und Asketen ganz allgemein, hatten eine derart überwältigende Gotteserfahrung gemacht, derzufolge das bisherige Leben und das "weltliche Treiben" grundsätzlich relativiert wurde. Die Antwort auf die Erfahrung, so existenziell von Gott angerührt zu werden, erfolgte automatisch in der Abwendung von allem, was dieser Gott nicht ist. Aus der Nachfolge Christi (Hinkehr) folgte konsequent die Absage (Abkehr) an die Welt. Der Eros aber wurde offensichtlich ganz besonders als nichtgöttliche Macht erlebt. Er bewirkte den ruhelosen Lauf der Geschichte in Zeugung, Geburt und Tod. Er wurde als heftigster Rivale der selbstbeherrschten Vernunft angesehen, der die Selbstmächtigkeit des geistigen Menschen mit Leidenschaft zunichte macht. Die Menschen der antiken Welt aber sehnten sich nach Ruhe, nach Stillstand und nach endgültiger Vollkommenheit in der ewigen Gottesschau.

Der christliche Weg dorthin bestand in der Einübung des Glaubensgehorsams in der Nachfolge Christi durch Leiden und Tod zur Auferstehung. Die Askese diente in diesem Kontext vielfältigen Zielen z.B.:

  • Christus nachzufolgen durch den Auszug aus der Welt.

  • Christus gleich zu werden im täglichen, unblutigen Martyrium.

  • Christus mit ungeteiltem Herzen zu lieben.

  • die Seele mit Christus zu vermählen.

  • den Leib Christi rein zu halten.

  • Gott näher zu kommen.

  • am zukünftigen Äon einmal und schon jetzt teilzuhaben.

  • ein eschatologisches Zeichen für die Welt zu sein.

  • von der Last der Erde befreit zu werden.

  • an der Seite Jesu gegen die Dämonen und die sündhafte Begierde zu kämpfen.

  • u.a.

Mit der Entwicklung der christlichen Sekte zur Großkirche bleibt einer kleinen Elite die Aufgabe anvertraut, stellvertretend für alle Gläubigen Zeichen der Heiligkeit des neuen Gottesvolkes in der Welt und vor Gott zu sein. Ob der asketische Weg der christlichen Jungfrauen und Mönche der bessere zur Vollkommenheit sei, wage ich nicht so einfach zu beantworten wie das Konzil von Trient:

Wenn einer sagt, der Ehestand sei dem Stand der Jungfräulichkeit und des Zölibates vorzuziehen, und es sei nicht besser und seliger, in der Jungfräulichkeit und im Zölibat zu leben, als sich in einer Ehe zu binden, der sei im Bann (DS 1810).

Muß man sich denn vom Eros abwenden, um sich Gott zuwenden zu können? Gabriel Marcel soll dazu das Schlußwort haben. Er schrieb am 5. März 1933 in seinem Metaphysischen Tagebuch:

„Es ist meine innerste, unerschütterliche Überzeugung – sollte sie häretisch sein, umso schlimmer für die Orthodoxie! – daß Gott, was auch so viele Geistesmänner und Lehrer darüber gesagt haben mögen, von uns keineswegs gegen das Geschaffene geliebt, sondern durch das Geschaffene hindurch und von ihm her verherrlicht werden will. Das ist der Grund, weshalb mir so viele Erbauungsbücher unerträglich sind. Dieser Gott, der dem Geschaffenen gegenübergestellt wird und auf seine eigenen Werke neidisch ist, stellt in meinen Augen nichts anderes als ein Idol dar.“
 
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