Prof. Dr. Bernhard Fresacher

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„Aggiornamento“

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Entfesselt die Jugend, und „ihr werdet mit ihr das Leben befreit haben“! Lebt wie Originale einer „ersten Generation“ und „vergesst den Aberglauben, Epigonen zu sein“! Dieser Appell Nietzsches ist längst in unserer Gesellschaft heute angekommen. Niemand von uns will alt werden, alle wollen wir jung bleiben, weil Jugend Vitalität verspricht.


Bernhard Fresacher

Hermeskeil 2008

Öffnet die Fenster und Türen – ein Haus für alle Generationen


Ich werde mich in meinem Vortrag vor allem auf das Projekt Mehrgenerationenhaus beziehen und versuchen, einen Zusammenhang herzustellen, zwischen der aktuellen Aufmerksamkeit für das Alter in unserer Gesellschaft auf der einen Seite und der Situation der Kirchen auf der anderen Seite: Welches Interesse haben die Kirchen und speziell die Katholische Kirche an einem solchen Haus?

Entfesselt die Jugend, und „ihr werdet mit ihr das Leben befreit haben“! Lebt wie Originale einer „ersten Generation“ und „vergesst den Aberglauben, Epigonen zu sein“! Dieser Appell Friedrich Nietzsches ist längst in unserer Gesellschaft heute angekommen. Niemand von uns will alt werden, alle wollen wir jung bleiben, weil Jugend Vitalität verspricht: Ursprünglichkeit, Individualität und Optimismus. Noch einmal in Nietzsches Worten: Die Jugend besitzt „die plastische Kraft des Lebens“, „die hellseherische Gabe der Natur“, das „Paradies der Gesundheit“.  Ironischer Weise beruft er sich dafür auf die alten Griechen.

Auf dieselben alten Griechen gehen auch die olympischen Spiele zurück, die am Ende des 19. Jahrhunderts neu erfunden wurden. Als „Treffen der Jugend der Welt“ sollten sie dem sportlichen Vergleich und der Völkerverständigung dienen. Diese Jugend hat uns Peking wieder in diesem Sommer präsentiert, und wir wissen, wie künstlich die Bilder sind, die wir gesehen haben, nicht nur aufgrund der medizinischen, gesundheitlich äußerst riskanten Mittel, die dafür eingesetzt wurden, sondern auch aufgrund der technisch und logistisch gigantischen medialen Inszenierung, in der die Individuen von der Masse ästhetisch absorbiert wurden.

Die Jugend, heißt es, ist die Zukunft – und auch die Kirche stimmt mit ein: „La Chiesa è giovane – Die Kirche ist jung“, rief der damals 78 jährige Papst Benedikt XVI. zu Beginn seines Pontifikats. Der Weltjugendtag in Köln sollte der Beweis dafür sein – und in diesem Jahr Sidney. Gerade in den Kirchen aber fällt der Kontrast, in dem dieser Satz steht, möglicherweise noch krasser auf: Immer mehr Ältere stehen immer weniger Jüngeren gegenüber.

Das Alter wird zum Schrecken der Jugend, nicht nur in den Vorstellungen von der eigenen Lebensqualität, sondern auch in den demografischen Prognosen für Deutschland. Brauchen wir deshalb Mehrgenerationenhäuser? Um dem Schrecken des Alters aktiv zu begegnen? Um den Kontrast zwischen den vielen Alten und den wenigen Jungen erträglicher zu machen? Um die Angst vor dem Alter zu bewältigen und optimistisch, also jugendlich, mit dem eigenen Älterwerden umzugehen?

Schon kursieren Bilder von Wohngettos, in denen die Alten ohne Kontakt zu den Jungen leben, eingeschlossen, vergessen, einsam, auf den Tod wartend, in das Pflegeheim abgeschoben. Gegen solche Horrorszenarien werden dann andere Bilder gesetzt: Älter-Werden kann äußerst beglückend sein, lautet dort die Botschaft. Beides sind Extreme, deren Realität ich gar nicht leugnen will. Aber für viele ist die Realität doch eine andere. Sie ist nicht sensationell. Sie ist weder immer nur glücklich, noch immer nur schrecklich. Sie ist facettenreicher und auch ambivalenter.

Es stimmt nicht, dass die Generationen sich nicht mehr über den Weg laufen. Im Gegenteil, wir erleben es tagtäglich: in der Familie, im Betrieb, bei der Arbeit, beim Einkauf, bei der Fahrt mit dem Bus oder der Bahn, im Flugzeug, im Theater, im Kino, beim Open-Air-Konzert, im Schwimmbad usw. Heute mischen sich die Generationen vielleicht sogar mehr denn je, z.B. was den Musikgeschmack anbelangt. Dieser unterscheidet sich nicht mehr so sehr nach Alter als vielmehr nach Vorlieben, die quer über die Generationen verlaufen. Dasselbe gilt für die Mode, für Freizeitinteressen, für Lebensstile. Ebenso trifft dies für religiöse und nichtreligiöse Überzeugungen zu.

Dies alles macht die Generationenbeziehungen äußerst vielfältig. Man kann sie nicht über einen Kamm scheren. Die Erfahrungen sind doch sehr verschieden. Sie sind heute zudem in globale Veränderungen eingebunden: „Die wichtigste der gegenwärtigen globalen Veränderungen betrifft unser Privatleben, Sexualität, Beziehungen, Ehe und Familie. Unsere Einstellung zu uns selbst und zu der Art und Weise, wie wir Bindungen und Beziehungen zu anderen gestalten, unterliegt überall auf der Welt einer revolutionären Umwälzung. Diese breitet sich in unterschiedlichen Regionen und Kulturen schnell und gegen diverse Widerstände aus.“

Es stimmt nicht, dass die Generationen nicht mehr für einander da sind. Im Gegenteil: Eltern, Großeltern und Kinder halten in der Regel zusammen und helfen sich gegenseitig, wenn es darauf ankommt, nicht nur finanziell, sondern vor allem auch in den Bereichen Erziehung und Pflege. Die intergenerationellen Leistungen in diesen Bereichen sind enorm und letztendlich unbezahlbar. Das gilt auch für einen Sozialstaat wie Deutschland (in dem es gesetzlich geregelte Rentenansprüche, Kranken- und Pflegeversicherungen gibt). Der Zusammenhalt war vielleicht noch nie so stark wie heute.

Der Generationenfrieden ist ohne Zweifel ein fragiles Gut. Es wird immer wieder infrage gestellt, vor allem auch um eigene Interessen durchzusetzen. Einmal liegt die Aufmerksamkeit mehr auf den Rentnerinnen und Rentnern. Ein anderes Mal stehen die Kinder, die zunehmend von Sozialhilfe leben müssen, im Vordergrund. Von Erziehungsnotstand ist die Rede und immer wieder neue Fälle von Kindesvernachlässigung werden berichtet. Der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit kann sich morgen aber schon wieder verschieben. Angesichts solcher Streitinszenierungen (unter dem Label der „Generationengerechtigkeit“) kann man leicht übersehen, wie robust der Generationenzusammenhalt tatsächlich ist, und wie stark er gerade seinen Infragestellungen standhält.

Es stimmt aber schließlich ebenso wenig, dass Begegnung und Zusammenhalt zwischen den Generationen nur Frieden und Glück auf Erden bringen. Kurt Tucholsky (1890-1935) hat dies unnachahmlich zu Papier gebracht: „Die Familie kommt in Mitteleuropa wild vor und verharrt gewöhnlich in diesem Zustand. Sie besteht aus einer Ansammlung vieler Menschen verschiedenen Geschlechts, die ihre Hauptaufgabe darin erblicken, ihre Nasen in deine Angelegenheiten zu stecken: alle Mitglieder der Innung nehmen dauernd übel. Irgendeine Möglichkeit der Familie sich zu entziehen, gibt es nicht. Und wenn die ganze Welt zugrunde geht, so steht zu befürchten, dass dir im Jenseits ein holder Engel entgegenkommt, leise seinen Palmwedel schwingt und spricht: ‚Sagen Sie mal – sind wir nicht miteinander verwandt - ?’ Und eilends, erschreckt und im innersten Herzen gebrochen, enteilst du. Zur Hölle. Das hilft aber gar nichts. Denn da sitzen alle, alle die anderen.“  Wir brauchen Raum, um uns aus dem Weg gehen zu können – sonst wäre es die Hölle: Distanzmöglichkeiten, Privatsphären, Rückzugsgebiete – das sind Lebenselixiere, die wir ebenso nötig haben wie soziale Nähe, die einen mehr, die anderen weniger, aber alle irgendwie. Diese Tatsache spielt insbesondere auch bei Mehrgenerationenwohnprojekten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wird sie nicht beachtet, kann ein solches Projekt schnell scheitern.

Was assoziieren wir überhaupt mit „Generationen“?

Alt und jung? Aber wo würden Sie die Grenze ziehen? Bei 40? Bei 50? Dazwischen? Die meisten möchten wohl beides sein: alt und immer noch jung, jung und schon alt genug. Ein alter Mann in einem Schweizer Bergdorf: „Es ist schon sehr modern, jung zu sein. Alle Modemacher, Köche und Kaufleute und so sind heute plötzlich alle sehr jung. Sie können von Glück reden, heute jung zu sein. Als ich jung war, da wollte ich nämlich so schnell wie möglich erwachsen werden. Wegen dem Respekt. Und jetzt haben die Jungen plötzlich den Respekt und die Erfahrung und wissen mehr. Ich weiß auch nicht, woher die das haben. Obwohl, alt ist man inzwischen ziemlich schnell. Wann fängt das an? Mit vierzig? Einfach wenn man nicht mehr schön ist. Mir gefällt diese Entwicklung nicht. Also gut, das ist, weil ich alt bin. Aber ich fand die frühere Einteilung besser: Die Jungen sind schön, die Alten sind gescheit. Jetzt bleibt mir ja nichts mehr.“

Eine andere Möglichkeit besteht in der Unterscheidung nach Geburtsjahrgängen, die nach historischen Ereignissen zusammengefasst werden: Kriegsgeneration, Nachkriegsgeneration, 1968er Generation, Vor- und Nachwende-Generation. Wir kennen diese Zuschreibungen. Wir erleben eine Inflation von Buchtiteln dieser Art: Generation Golf, Generation X, Generation Praktikum, Generation Ally, Generation Fußnote, Generation Doof, Generation Kinderlos oder religiös gewendet: Generation Credo, Generation Benedikt. Die empirische Forschung arbeitet mit verschiedenen Alterskohorten. Die meisten von uns werden sich irgendwo dazwischen zuordnen. Außerdem sind die Lebensstile spätestens seit der 68er Generation in einer rasanten Ausdifferenzierung begriffen, so dass eine schlichte Alterszuordnung kaum mehr etwas aussagt. Die genannten Buchtitel verweisen denn auch mehr auf Lebensstile als auf Generationen.

Schließlich kann man noch nach Eltern-, Kinder- und Großelterngeneration unterscheiden, nicht zu unterschätzen die Urgroßelterngeneration. Diese Differenzierung hilft zwar zur familieninternen Orientierung innerhalb der Verwandtschaft, gibt aber wenig Auskunft darüber hinaus. Außerdem was ist mit all jenen, die keine Kinder haben?

Wozu dann also ein Mehrgenerationenhaus? Was macht es für einen Unterschied?

Soll damit die Sehnsucht nach der guten alten Zeit gestillt werden, die aber bekanntlich nie so war, wie wir sie uns erträumen, das Idyll der Großfamilie mit mehreren Generationen und vielen Kindern unter einem Dach?

Oder: Soll damit ein Gegenpol zum Jugendkult geschaffen werden, zur Schnelllebigkeit der Zeit, zur Sehnsucht nach immer Neuem, Anderem, Unbekanntem, zum Zwang zur Flexibilität, um stattdessen das Lob der Langsamkeit, der Einfachheit, der Aufmerksamkeit zu singen?

Oder: Soll damit das Gleichgewicht zwischen jung und alt wieder hergestellt werden, nicht zuletzt auch in den Kirchen? Ist dies vielleicht sogar das geheime Interesse des Trägers?

Die Forschung hat einen interessanten Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Entwicklung, Religiosität und Demografie herausgearbeitet:  Wohlstand und Bildung erweitern die Wahlmöglichkeiten, die Optionen massiv. Das ist bekannt. Die Phänomene werden in der Forschung unter den Begriffen der Individualisierung und der Pluralisierung beschrieben.

Dadurch entsteht aber zugleich eine Ungleichzeitigkeit, ein Sprung zwischen traditionell, religiös eingebettetem Lebensstil ohne viel Alternativen und einer pluralistischen Welt der nahezu uneingeschränkten Möglichkeiten (Optionen).

„Ein Großteil der Menschen tendiert zu Kompromissen zwischen den neuen Optionen und der traditionellen Lebensführung.“   Die Vervielfältigung der Möglichkeiten korrespondiert allerdings – und das ist interessant – mit einem Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahl. „Unter der anhaltenden Spannung ‚entscheiden’ sich einige Menschen schließlich zur völligen Aufgabe religiöser Praxis und Überzeugungen, andere [hingegen, BF] zur bewussten Hinwendung zur Religion. Diese ‚entschiedenen’ religiösen Rekonstruktionen verbinden dabei (nicht immer bewusst) traditionelle und moderne Elemente und grenzen sich mitunter scharf gegen viele Optionen moderner Lebensführung [z.B. im Bereich der Sexualität, BF] ab ... Diese Selbsteinschränkungen des biografischen Universums dieser ‚entschieden’ Glaubenden führen dabei häufig zu einer relativ höheren Kinderzahl.“  Diese neue – vielfach als Konversion erfahrene – „entschiedene“ religiöse Bindung entweder an die Kirche, in der man getauft wurde, oder an andere Kirchen, neue geistliche Bewegungen oder freikirchliche Gruppen ist oft mit einer Radikalität evangelikaler oder traditionalistischer Art verbunden, die keine Kritik oder Relativierung zulässt.

Die organisierten Kirchen geraten dadurch unter einen doppelten Druck: „beharren sie auf Optionsverzicht, verlieren sie gemäßigte Mitglieder. Nähern sie sich jedoch … dem ‚Zeitgeist’ [also der Vielfalt der Möglichkeiten und Optionen, BF] … an, spalten sich [unter Umständen, BF] kinderreiche ‚entschieden religiöse’ Anhänger empört ab. So verlieren sie inmitten von Flügelkämpfen fast unausweichlich Mitglieder durch Austritt und fehlenden Nachwuchs. Sowohl missionarisches wie demografisches Wachstum geht dagegen von ‚entschiedeneren’ Gemeinschaften oft junger Leute und Familien aus.“  Diese Spannung zwischen gemäßigten, volkskirchlich orientierten Gruppen und neu entschiedenen, missionarischen Gruppen stellt eine der großen Herausforderungen der organisierten Kirchen heute in Deutschland dar – und eben diese Spannung verläuft nicht selten zwischen den Generationen, plakativ gesagt: zwischen den älteren Gemäßigten und den jüngeren Radikalen.

Ein Mehrgenerationenhaus kann hier womöglich einen Ausgleich schaffen, zumal wenn es sich in kirchlicher Trägerschaft befindet. Darin besteht aber sicherlich nicht das primäre Ziel. In erster Linie bietet ein solches Haus Anlässe, Unterschiede positiv zur Geltung zu bringen. Das ist meine These: Ein Mehrgenerationenhaus organisiert Gelegenheiten, damit Unterschiede zum Gewinn für alle werden können.

Ziel eines solchen Hauses ist es, die Unterschiede zwischen den Generationen ebenso wie die Unterschiede innerhalb der Generationen als Schatz der Vielfalt, als Potenzial der Gesellschaft hervorzuheben, als Gewinn, den alle machen können, wenn man diese Unterschiede nicht vergräbt, sondern mit ihnen wirtschaftet.

Ein Mehrgenerationenhaus kann einen Ausgleich zu einer auf Sensation ausgerichteten Aufmerksamkeit für die Extreme bewirken. Es kann auf die stillschweigende Realität im Hintergrund aufmerksam machen, auf das, womit wir alle tagtäglich selbstverständlich leben. Generationen geben der Zeit ihr Gesicht. Generationen verkörpern Geschichten. Generationen erzählen von Hoffnungen, von erfüllten, aber auch von enttäuschten Hoffnungen. Zeiten zeichnen sich in Lebensalter ein. Sie bleiben gleichzeitig präsent. Hinzu kommen die kulturellen Unterschiede innerhalb der Generationen, die womöglich heute ausschlaggebender sind als die Unterschiede zwischen den Generationen: die Unterschiede des Geschmacks, des Stils, der Einstellung und der Religiosität. Beides spielt eine Rolle, wenn Generationen zusammenkommen, sowohl die durch die Zeitgeschichten eingezeichneten Unterschiede zwischen den Generationen als auch die durch die Kulturen und Lebensstile eingezeichneten Unterschiede innerhalb der Generationen. Beides kann in einem Mehrgenerationenhaus wirksam werden. Dabei ist es sicherlich ebenso wichtig, Gelegenheiten zu finden, sich unter Seinesgleichen, in derselben Altersgruppe zu treffen. Es muss nicht jede Veranstaltung intergenerationell ausgerichtet sein.

Ein Mehrgenerationenhaus in kirchlicher Trägerschaft, wie hier in Hermeskeil oder an anderen Orten im Bistum Trier, in Koblenz, Neuwied, Bad Kreuznach oder Neunkirchen, macht zudem deutlich, dass die damit verbundenen Herausforderungen auch die Kirche angehen, und zwar in ihrem Innersten. Nicht zu vergessen sind natürlich die anderen Einrichtungen der Caritas, der Beratungsstellen, der Kindertagesstätten, der Familienbildungsstätten und die Angebote der Katholischen Erwachsenenbildung, die viel für den Austausch der Generationen leisten, was man nicht hoch genug einschätzen kann und letztlich unbezahlbar ist. Generationen sind ein Thema der christlichen Religion von Anfang an – wie jeder anderen Religion auch: Es geht um die Weitergabe und die Annahme des Glaubens von einer Generation zur anderen.

Dies unterstreicht der Name des Johanneshauses zusätzlich: Johannes XXIII., der Papst (1958-1963), dessen Pontifikat vor 50 Jahren begonnen hatte, in der Mitte des 20. Jahrhunderts zur Zeit Kennedys und Chruschtschows, einer Ära des Aufbruchs, des Optimismus, der Jugend also, der 1968er Generation: In dieser Zeit hat Papst Johannes XXIII. die Generationenfrage für die gesamte katholische Kirche weltweit gestellt. Das 2. Vatikanische Konzil, das er einberufen hat, ist eine Antwort darauf. Mit diesem Konzil ist die katholische Kirche im 20. Jahrhundert angekommen – und wird es hoffentlich auch im 21. Jahrhundert. Dafür wird es von einigen wenigen, aber umso vehementer, bis heute bekämpft, übrigens nicht nur von Älteren, sondern nicht minder von „entschiedenen“ Jungen.

Papst Johannes XXIII. hat den Begriff des „Aggiornamento“ geprägt, was wörtlich übersetzt „Verheutigung“ heißt: „Aktualisierung“. Im Italienischen bedeutet „Aggiornamento“ auch Weiterbildung. Damit wird der Zusammenhang von Generationen und Lernen deutlich – und in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Bildung. Katholische Erwachsenenbildung setzt ja voraus, dass die Kirche, die sie betreibt, selber lernt und es nicht schon besser weiß. Zum Symbol für das, was dieses „Aggiornamento“ meint, sind die geöffneten Fenster geworden: sie symbolisieren frische Luft, überraschende Einsichten, unvoreingenommenes Interesse am Anderen.

In seiner Eröffnungsrede zum Konzil hatte Papst Johannes XXIII. programmatisch betont, dass es nicht nur darauf ankomme, einen „kostbaren Schatz zu bewahren, als ob wir uns nur um Altertümer kümmern würden. Sondern wir wollen uns mit Eifer und ohne Furcht der Aufgabe widmen, die unsere Zeit fordert.“ Dann wandte er sich in ungewöhnlich scharfem Ton gegen all jene Stimmen, die „nur Missstände und Fehlentwicklungen zur Kenntnis“ nehmen. „Sie sagen, dass unsere Zeit sich im Vergleich zur Vergangenheit nur zum Schlechteren hin entwickle … Wir müssen diesen Unglückspropheten widersprechen, die immer nur Unheil voraussagen, als ob der Untergang der Welt unmittelbar bevorstehen würde“ , so Johannes XXIII.

Das Johanneshaus hier in Hermeskeil als Knotenpunkt für die Region rund um Hermeskeil wirkt im Sinn seines Namensgebers gegen diesen Unglücksgeist. Es steht stattdessen für Offenheit, für Lernbereitschaft, für Überraschungssinn. Dies verlangt Mut, Risikofreude und Kreativität, den Glauben an ein zukunftsfähiges Projekt. Eine Begegnung in den Unterschieden der Generationen, Geschlechter und Kulturen lohnt sich allemal. Sie verspricht überraschende Erfahrungen und Einsichten, die allen zugute kommen können – jung und alt, denen dazwischen und allen, die sich alt und jung zugleich fühlen.